Klassik

Gespielt wird, was gefällt!

Mozartfest 2025 © Mozartbüro Stadt Augsburg

Nach weiteren fünf Konzerten an vier Spielstätten steht fest, dass man sich hoffnungsfroh auf Abwechslung und High-Quality auch zukünftiger Programme des Augsburger Mozartfests verlassen kann. Die zum Teil spektakulären Auftritte hochkarätiger Künstler*innen und das Faible des künstlerischen Leiters Simon Pickel, konzeptionell gerne mal gegen den klassischen Mozart-Strich zu bürsten, gingen erneut optimal auf!

»Alles, alles darfst Du lieben!« – diese euphorische Verszeile, geborgt bei Heinrich Heine, vertont von Franz Lachner, galt fraglos für jedes der elf Konzerte des Mozartfests. Ganz konkret übertitelte sie das zauberhafte Kunstlied-Format, mit dem die Deutsche Mozartgesellschaft im Schaezlerpalais ihr musikalisches Profil samt fantastischem Netzwerk bekräftigte. Nebenbei beworben wurde damit zudem das herbstliche, dem Klavierbauer Johann Andreas Stein gewidmete Festival (26./27. September). In dessen Rahmen dürfte das akustisch fabelhafte Rokoko-Ambiente für weitere Clavichord-/Hammerflügel-Klangwunder (in Kooperation mit der Stiftung Fortepiano gGmbH ermöglicht) sorgen. So geht – bzw. klingt – idealerweise ein romantischer Kunstlieder-Abend, und das ganz frei von Franz Schubert, dafür mit einer ans Finale gesetzten Hommage an die bemerkenswerte, in München geborene Sängerin und Komponistin Josephine Caroline Lang (1815–1880). In jedem Moment der rund 20 Liederkompositionen durfte man an diesem Abend die flammende Passion für diese lyrische Gattung und deren ideale Interpretationsweise erleben.

Mit dem international gefeierten österreichischen Tenor Daniel Johannsen, dem Hammerklavier-Virtuosen Christoph Hammer und dem Cellisten Andreas Schmalhofer lud ein unprätentiös auftretendes Meister-Trio sein verzückt lauschendes Publikum auf eine klangsinnliche Zeitreise in die Salonkultur des 19. Jahrhunderts. All die Wonneschauer, all das Sehnen, gespeist vom nächtlichen Firmament oder dem erotisch knospenden Frühling, erfüllten den Raum. Voller Bewunderung hing man Johannsen an den Lippen, die Wort für Wort die Poesie etwa eines Grillparzer oder Uhland geschliffen präzise und feinsinnig ausartikulierten. Plastisch, unmittelbar nahmen die musikalisch lautmalerisch verpackten Emotionen Gestalt an – kein Wunder bei einem solch angenehm noblen tenoralen Timbre, bereichert durch fundiertes Wissen um die Dosierung von Emphase, Andacht und augenzwinkerndem »Kommentar«. Im farbenreichen Klangbett von Hammerflügel und Cello formten sich diese Lieder zu lange im Herzen nachklingenden, kostbaren Gesamtkunstwerken.

Als Kampagnengesicht des »Out-of-the-box«-gedachten Festivals erregte der Finne Iiro Rantala Aufmerksamkeit. Dass sich cooler Look und lauwarme Easy-Listening-Performance nicht ausschließen, bewies die bei ihm gebuchte musikalische Pauschalreise nach »Veneziana«. In Augsburg begleitete den fraglos versierten (Jazz-)Pianisten das Zürcher Galatea Quartett. Berühmt-berüchtigten Komponisten-»Kollegen« wie Monteverdi, Vivaldi, Sibelius und Mozart, aber auch Casanovas Trieben oder Serge Diaghilews Ballettmanien setzte Rantala insbesondere in seinen Moderationen ein geistreiches »Denkmal-drüber-nach«. Musikalisch fehlten dem flotten, doch kommerziell angehauchten Spaziergang durch die Lagunenstadt die Stolpersteine, überraschende (W)Endungen oder raffiniert verwertete tonale Referenzen. Ein Abend, der ähnlich spannend war wie das Schlange-Stehen vor dem Markusdom – auch wenn das Gros des Publikums das anders empfand.

Tags darauf war man versöhnt – und wie! 500 Menschen strömten nach Evangelisch St. Ulrich und hätten nach 90 spektakulären Minuten (ohne einen Huster!) den Programmheftsatz »Kein klassischer Konzertabend, sondern ein musikalisches Erdbeben« mit Ausrufezeichen unterschrieben. Längst international hymnisch gefeiert, erfüllte das holländische Brüderpaar Lucas (*1993) und Arthur (*1996) Jussen als Klavier-Duo, das man in der Tat sehen und hören muss, die hohen Erwartungen im Übermaß. Nicht allein, weil die beiden sich zum Intro für Mozarts »Sonate D-Dur zu vier Händen, KV 381« entschieden, schlich sich der Gedanke ein, dass das Wunderkind als Festival-Namensgeber vom Pianisten-Himmel herab seine Hände im Spiel haben muss. Wie und was die Raum und Menschen für sich einnehmenden Künstlerpersönlichkeiten an den beiden offenen Steinway-Flügeln »veranstalteten«, entzieht sich jedem verbalen Kommentar, hebelt Superlative aus. Ravels fantasievoller Walzer-Albtraum-Tanz gab einen ersten Vorgeschmack auf das, was mit dem »Sacre du Printemps« vollends überwältigte.

Mit fast durchgehend geschlossenen Augen versenkten sich die Jussen-Brüder tranceartig in dieses perkussiv angelegte Meisterwerk – Energie, Musikalität und Virtuosität pur! Mit physischer Dringlichkeit und farb- und klanggebender Gestaltungskraft warfen sie sich in die von Strawinsky selbst für Klavier zu vier Händen verfasste Partitur, die spieltechnische Limits ad absurdum führt, und ließen die brutal stampfenden Rhythmen des heidnischen Opferrituals explodieren. Mit einer Bach-Zugabe und einem rührenden Dank an das motivierende Augsburger Auditorium besänftigten sie die aufgewühlten Gemüter. Mit Nachdruck sei jedes Live-Konzert der fantastischen Jussen-Brüder empfohlen!

Mit gestrichener und herrlich swingender Turbo-Power ging es am Sonntag weiter, weil die »12 Cellisten der Berliner Philharmoniker« (zwei Frauen, zehn Männer) zum Fünf-Uhr-Tee in den komplett ausgebuchten Kleinen Goldenen Saal geladen hatten. Die Fans des facettenreichen Instruments, das Singstimme, Bläser und selbst Leierkästen imitieren kann, kosteten ein an Aromen reiches Programm aus. Ikonische Werke des 20. Jahrhunderts – wie etwa der jazzige »Walzer Nr. 2« von Schostakowitsch – wurden ebenso verblüffend über die Griffbretter gejagt wie Chansons, Filmmusik und Piazzollas Tangohits, die mit ausgefeilter Dynamik und eleganter Tonbildung lebendig wurden. Der satte Tutti-Sound ebenso wie solistisch ausgetüftelte Passagen profitierten von der hochklassigen Qualität der teils von den Mitgliedern selbst verfassten Arrangements, die minutiös die spieltechnische Brillanz dieses mit sichtbarer Lust agierenden Berliner Ensembles in Szene setzten – das galt für Julius Klengels an einen Abendsegen erinnernden »Hymnus« als Gründungsstück des seit 50 Jahren Furore machenden Ensembles nicht weniger als für Mancinis finalen Zugaben-Thriller »Spiel mir das Lied vom Tod«.

Der Ruf seines unverwechselbaren Klangs und das Suchen neuer musikalischer Horizonte eilt dem demokratisch strukturierten Mahler Chamber Orchestra voraus. Unter dem vital-drangvollen Dirigat von Philipp von Steinaecker fand sich am Vatertag im sakralen Kirchenraum von Ev. St. Ulrich das ideale Ambiente, um über sinfonisch geformte, im Sturm und Drang romantischer Seelen komponierte »Landscapes« Anspruch und vibratofreie Realität ziemlich überzeugend in Einklang zu bringen. Mendelssohn Bartholdy bannte die offenbar heftig durchschüttelnden Impressionen seiner Reise nach Schottland (1829) im harschen attacca-Modus in seine dritte Sinfonie. Fast zwingend nachvollziehbar – nicht zuletzt durch den solistischen Glanz der Oboe und später die Brillanz der Blechbläser sinnfällig verwoben – folgte, programmatisch vom Dirigenten begründet, hier das wagnersche »Siegfried-Idyll« als schönste Liebeserklärung an Gattin Cosima nahtlos der von Weltschmerz sowie düster-flächiger h-Moll-Grübelei bestimmten »Unvollendeten« von Franz Schubert. Frenetischer Applaus und Klangmagie sind nachhörbar am 7. August um 20:03 Uhr auf BR-KLASSIK!

 

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