Theater & Bühne

Wer übernimmt jetzt Verantwortung?

Gesänge vom Überleben

»Gesänge vom Überleben« – eine intensive Uraufführung in der Brechtbühne thematisiert Zwangsarbeit in Augsburg. 

Das dürfte wohl so ziemlich jede*r kennen, der oder die – wie ich – der Generation X oder Y (Millennials) angehört: Da ist der gütige Großvater, der im Zweiten Weltkrieg kämpfen musste, und die liebe Oma, die beim Bund Deutscher Mädel (BDM) war. Und wenn man nachfragte, um mehr über die Zeit und ihr damaliges Verhalten unter der Hakenkreuzflagge zu erfahren, bekam man meistens zur Antwort, dass sie ja von nichts gewusst hätten. Die Vergangenheit totschweigen, nicht wahrhaben wollen, was geschehen ist – und einfach weitermachen, ohne schlechtes Gewissen.

Die Figuren in Tine Rahel Völckers Stück »Gesänge vom Überleben« stellen sich gegen dieses Vergessen. Sie kämpfen für ein Erinnern, für die Sichtbarmachung des geschehenen Unrechts, der nie verheilten Narben. Sie kämpfen dafür, dass der Mantel des Schweigens über Mitverantwortung und Mittäterschaft in der NS-Zeit endlich abgelegt wird. Völcker gibt den Opfern eine Stimme und lässt sie von ihrer Deportation aus Polen, der Ukraine, Italien und Ungarn nach Augsburg und Schwaben erzählen. Denn Zwangsarbeit war auch in Augsburg allgegenwärtig – ob in großen Firmen wie Messerschmitt oder in kleinen Betrieben. Doch bis heute fehlt die systematische Aufarbeitung dieser Vergangenheit.

So steht in Nicole Schneiderbauers Inszenierung ein schwäbelnder Gartenzwerg auf seinem kleinen, beschaulichen grünen Rasen und wiederholt immer wieder vehement: »Na! Hier war kei KZ-Lager!« Die Inszenierung beweist das Gegenteil – und zeigt mit historischen, realen Figuren und deren Geschichten, was damals, vor über 80 Jahren, auch im beschaulichen Augsburg geschah.

Wenige schlichte Kostüme, Requisiten und ein beeindruckendes Lichtkonzept (Moritz Fettinger) werden auf der kargen Brechtbühne bewusst und gekonnt eingesetzt. So entstehen düstere, traurige, unheimliche, unterhaltsame und hoffnungsvolle Bilder. Das Ensemble des Staatstheaters überzeugt in dieser Uraufführung durch engagierte Anteilnahme und ein emotionales, intensives Spiel. Durch sie wird Geschichte lebendig – und die Opfer geraten nicht in Vergessenheit.

Besonders eindrücklich waren die Szenen mit Mehdi Salim als Boxer Jakob »Johnny« Bamberger. Der Sinto und KZ-Häftling engagierte sich bis zu seinem Tod 1989 für die Bürgerrechtsbewegung der deutschen Sinti und Roma. Sein Einsatz für Wiedergutmachung und gegen die deutsche Bürokratie wurde als Boxkampf kraftvoll inszeniert.

Der Abend endete mit langem, stetig-lautem Applaus – für die Schauspieler*innen auf der Bühne, aber vor allem für die Zwangsarbeiter*innen, deren Geschichte sie erzählten, und die Opfer des NS-Regimes. Ein wichtiger Abend, der uns daran erinnert, dass wir verantwortlich sind für das, was um uns herum geschieht – dass wir individuell und als Gesellschaft Verantwortung tragen und übernehmen müssen.

Alle Vorstellungstermine hier. 

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