Zum Interview trafen wir Stephanie Schmid bei einem ihrer Kunden, der Schrebergartenwirtschaft »Im Garten« auf der Perzheimwiese im Augsburger Thelottviertel. Die Brauerei Ustersbach hat viele Gastrokund*innen, jedoch nur einige Gasthäuser im Eigentum. Neben dem weithin bekannten Bräustüble beim Brauhaus gehören die Holzkohle-Grillrestaurants FeuerWerk in Augsburg neben der City-Galerie sowie in Fischach und das Landgasthaus Leuthau mit seinen Fischspezialitäten in idyllischer Lage an der Wertach bei Schwabmünchen dazu. Nach dem Gespräch kam der Durst.
Kanalschwimmen
Die Stadt von Süden nach Norden durchqueren. Ein Selbstversuch von Jürgen Kannler. Erstveröffentlichung vom Sommer 2011
Den idealen Platz, um in den Kanal zu steigen, markiert ein einfaches Schild mit der Aufschrift »Baden verboten«. Es ist der einzige Hinweis seiner Art, der mir auf meiner hochsommerlichen Reise vom Siebentischwald zur Wolfzahnau begegnen wird. Es kennzeichnet genau die Stelle, an der die Sportanlage Eiskanal, die Augsburg zur Olympiastadt machte, zum Proviantbach wird.
Um den schnellsten Weg von meinem Basislager an der Friedberger Straße/Ecke Damaschkeplatz zum Kanaleinstieg im Wald zu finden, durfte ich auf die Ortskenntnisse und den Instinkt zweier freundlicher Halbwüchsiger bauen, die von ihren bisher gelebten 13 Sommern die meisten hier am Wasser verbracht hatten. Von ihnen lernte ich die Bahnbrücke zu unterklettern und die Falllinien der Brückenspringer zu meiden.
Wer sich hier am Rande des Siebentischwalds in den Kanal begibt, atmet grünes, kaltes Wasser, das erst vor Kurzem noch im Tiroler Lechtal rauschte. Am Einstieg duftet es nach nasser Erde, warmen Steinen und einer für mich unbekannten Ufervegetation, die ihre riesigen Blätter an meterlangen, dünnen Ständeln hinab zum Wasser schickt. Wer sich beim Abtreiben an die Streben einer alten Localbahnbrücke klammert, um mit der Strömung zu spielen, riecht den Rost, der das alte Metall überzieht, und die Dämpfe der Holzschutzmittel, die von der Sonne tief aus dem Inneren der Gleisanlage gezogen werden.
Auf dem Rücken liegend treibe ich mit ausgebreiteten Armen wie der Gekreuzigte, die Fußspitzen voran, ich Richtung Norden. Ein Bikinimädchen ruft »Hallo, toter Mann!« und wirft mir eine Kusshand zu. Das kalte Wasser zeigt nach zehn Minuten Wirkung und legt in meinem Kopf die ersten Synapsen lahm. Die Kronen der Bäume auf beiden Uferseiten berühren sich über mir, umschließen den Bach und bauen mir eine grüne Kathedrale, durch die das Licht der Sonne durch zahllose feine Öffnungen bricht. Leicht entrückt quere ich den Spickel.
An der Wasserwachtstation Friedberger Straße/ Damaschkeplatz klettere ich zum ersten Mal aus dem Kanal und besorge im Straßenverkauf eines winzigen Cafés einen Espresso. Kaffee trinkend lerne ich Sigi kennen. Der Herrenbacher mit Bodybuilderfigur nimmt unkompliziert den Kontakt auf und erzählt mir bald von seinen Nahtoderlebnissen, seiner Gabe, die Zukunft vorweg zu träumen, und einem Blick auf Gott, den er vor einigen Jahren in einer schier ausweglosen Situation werfen durfte.
Ich denke an mein Erweckungserlebnis vor wenigen Minuten im Blätterdom und verschwinde, die rechte Abzweigung des Kanals wählend, unter der Friedberger Straße. So gelange ich in den, vom Wasser aus betrachtet, wunderbaren Stadtteil Herrenbach. Der Kanal trägt mich durch eine von Schrebergärten und Sozialwohnungen gesäumte Stadtlandschaft. Die Bewohner haben sich auf den Uferstreifen hochsommerlich eingerichtet. An den Einstiegen herrscht ein reges Treiben. Zwei reizende Damen in sehr bunten Badeanzügen nehmen sich die Zeit für einen kleinen Flirt mit dem Schwimmer und werfen sich in Pose. Man hört hier einige Wörter Russisch und dort etwas Italienisch. Es duftet nach türkisch-deutscher Grillparty. Am Ostufer wachsen fette Brombeeren und dahinter sitzen alte Textilarbeiter in ihrem Garten bei einer Halben Hell. Obwohl Augsburg einen Ausländeranteil von gut 40 Prozent zählt, klappt das Miteinander hier vielleicht besser als an anderen Orten. Man könnte mit diesem Thema Stadtmarketing machen und die Motive dafür hier am Kanal knipsen.
An der Reichenberger Straße teilt sich der Bach. Links geht er ab in Richtung Innenstadt, geradeaus direkt ins Proviantbachquartier und vorher noch schnell durch die Turbinen eines E-Werks. Es ist der passende Moment, zum zweiten Mal aus dem Kanal zu klettern. Ich folge dem Wasser auf einem Fußweg, der durch den Kleintierzuchtverein B229 führt. Obwohl der Name an einen Kampfbomber erinnert, ist B229 einer der friedlichsten Orte der Welt. Hühnerzüchter und Brieftaubenfreunde brauchen nicht viel Veränderung. Es sieht hier aus wie vor 30 Jahren, als die Futterwiese unterhalb des Turbinenhauses unsere Liegewiese war und die stehende Welle im Bach unser Hawaii. Statt eines Surfbretts standen wir auf einer alten Tür im Wasser, die mit einem Strick am Ufer befestigt war. Einmal schwamm ich in das lose Seilende, das sich als Schlinge um meinen Hals legte und mich so in der stehenden Welle hielt. Erst nachdem mir die Strömung Badehose und einen Turnschuh fortgerissen hatte, geschah das Unerwartete: Das Seil riss, ich kletterte an Land.
Den Rest der Sommerferien trug ich ein blutiges Andenken an diesen Nachmittag, das sich quer über den Hals von einem Ohr zum anderen zog. Als die Wunde im September fast schon verheilt war, war die Kindheit vorbei und ich begann meine Ausbildung bei der MAN. Genau hier, unterhalb des Turbinenhäuschens, ist die ideale Stelle, um weiter den Kanal hinabzuschwimmen.
Das Proviantbachquartier liegt im Herzen des Textilviertels, und hier wird bald nichts mehr so sein, wie es einmal war. Die Arbeiterwohnungen der übersichtlichen Gartensiedlung werden gerade luxussaniert. Es macht mich wütend, dass die Wohnungen zu Preisen angeboten werden, die sich wohl keiner der ehemaligen Mieter leisten kann. Sie sind den Besserverdienern vorbehalten, deren Steuerberater etwas mit einer 70-Prozent-Denkmalschutzabschreibung anfangen können. Im Schatten der Buchen und Kastanien schwimmend kühlt sich mein erhitztes Gemüt wieder ab und ich betrachte die Graffiti, die jemand auf die Unterseite der Brücke gesprayt hat, die die Amagasaki-Allee über den Kanal führt. Am alten Schlachthof klettere ich über einige Felsbrocken aus dem Wasser. Hinter dem E-Werk an der Johannes-Haag-Straße gelangt man auf einem schmalen Pfad zum Lechhauser Freibad. Hier trennt ein stacheldrahtgekrönter Maschendrahtzaun auf 200 Meter den Fußweg vom Wasser. Der nächste Einstieg gelingt an der Brücke vor dem Bad. Studenten aus dem nahen Wohnheim winken mir zu und ich verschwinde in Richtung alter Heimat.
Dort, wo der Ratzenbach in den Proviantbach fließt, bin ich aufgewachsen. Lange bevor es die Adresse »Klein Venedig« gab, stand hier einer der ersten Supermärkte der Stadt, umgeben von riesigen Brachen und den verfallenen Gebäuden einer ehemaligen Möbelfabrik. Eine freundliche Oma gewährt mir auf der zu ihrem Gartengrundstück gehörenden Einstiegsstelle eine Pause und versorgt den Schwimmer mit Selbstgebackenem und einer gut gemeinten Warnung. Ihre Leiter sei die letzte vor dem Wehr der Papierfabrik und ich solle mich gefälligst in Acht nehmen. Ich folge ihrem Rat und verlasse den Bach nicht wie geplant bei der Auffahrt von der Berliner Allee zur Lechbrücke, sondern schon kurz nach der Unterquerung der Brückenstraße über eine ungastlich steile Uferböschung.
Vor dem letzten Kanaleinstieg an einer Zulieferbrücke der Papierfabrik UPM stehen einige Minuten Fußmarsch, hinein über die Franz-Josef- Strauß-Straße in den vorderen Teil der Wolfzahnau. Der Kanal wirkt hier matter, dunkler und lustloser. Er wird breiter und träger. Als ich schwimmend die letzten MAN-Hallen hinter mir lasse, kehrt eine sanfte Ruhe ein und ich lerne den veränderten Charakter des Wassers zu schätzen. Zu beiden Seiten des Ufers breitet sich jetzt in unmittelbarer Nähe zur Innenstadt ein Landschaftsschutzgebiet aus. Vom Biber gefällte Bäume ragen ins Wasser. Hier ist die Böschung keine Narbe wie beim vorigen Streckenabschnitt, sondern das Tor zu einem dicht bewachsenen Urwald.
Die letzten kurzen Kilometer meiner Reise entführen mich nach Louisiana. Singvögel machen über meinem Kopf Beute. Eine Wasserratte gleitet in den Kanal und die Baumkronen sind so dicht, dass kaum mehr ein Sonnenstrahl auf die Wasseroberfläche trifft. In Sichtnähe zur Wertach, die einige Meter tiefer fließt, vereinigt sich mein Kanal mit den Massen anderer Stadtbäche, um als breiter Strom träge seiner Bestimmung in den Turbinen des Stadtwerke-Wasserschlosses am Rande der Wolfzahnau gerecht zu werden. Hier verlasse ich den Fluss am linken Ufer. Über einen Pfad erreiche ich bald den inneren Wertachuferweg, um von dort in wenigen Minuten an die Dieselbrücke zu gelangen. Mit der Buslinie 35 und der 6er-Tram wäre ich in einer halben Stunde wieder an der Wasserwachtstation Friedberger Straße/Ecke Damaschkeplatz und könnte die Reise durch die Kanäle meiner Stadt wiederholen. Vielleicht im nächsten Sommer.
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