Limoncellokugel verliebt sich in Matratze
»Leonce und Lena« eröffnen als knallbuntes Märchen die neue Spielzeit – qietschbunt, aber von allem viel zu viel.
Einstellige Temperaturen, viel Wind, keine Sonnenstunden und fast täglich Regenwetter. Bei diesem tristen Herbstbeginn freut man sich so richtig über den Start der neuen Spielzeit an den Theatern der Stadt. Und die knallbunte »Leonce und Lena«-Bühne im Martinipark lässt auf so einiges hoffen.
In grellem Gelb kommt sie daher, zahlreiche Kunstanspielungen schmücken die Wände der Interimsspielstätte: eine an Jeff Koons angelehnte Hummer-Skulptur, eine inzwischen bräunliche Banane à la Cattelan, ein Dürer-Polyeder und und und. Optische Täuschungen spielen mit der Illusion von Tiefen und Geometrie. Zuckerstange, Wolken und eine überdimensionale Fliegenfalle erzeugen das Gefühl, in einem Pop-Art-Kunstwerk zu stecken. Neben seinem Bühnenbild, das der Überzeugung »mehr ist mehr« folgt, steckt Daniel Angermayr die Schauspieler*innen in quietschbunte, witzige, aber in ihrer Kombination sehr wunderliche Kostüme: Leonce (Jannis Roth) lamentiert als zitronengelbe Limoncellokugel darüber, was er mit seiner Zeit sinnvolles anfangen soll, seine Geliebte Rosetta (Julius Kuhn) kämpft als Lampe um seine Liebe und Aufmerksamkeit, der halbnackte König (Gerald Fiedler) denkt über das Denken nach und seine Hofangestellten versuchen ihm trotz überlangen Ärmeln, Micky Maus Händen und Wischmopp auf dem Kopf das königliche Dasein so angenehm wie möglich zu machen. Klingt ein bisschen too much? Das war es auch.
Georg Büchners Lustspiel ist gespickt mit viel Commedia dell`arte, literarischen Zitaten, Ironie, satirischen Seitenhieben auf die Gesellschaft, vor allem der vermeintlichen besseren, aber auch leise Töne von Romantik, Sehnsucht und Schwermut schimmern durch. Der Inhalt der Märchenkomödie ist knapp erzählt: zwei Königskinder wollen nicht heiraten, lernen sich auf ihrer jeweiligen Flucht zufällig kennen, verlieben sich, heiraten dann unwissentlich doch und am Ende ist alles gut und das Leben kann so weitergehen wie immer.
Kurz und knackig kommt Büchner daher, nicht aber André Bückers Inszenierung, die sich leider an vielen Stellen unnötig in die Länge zieht. Auch die vielen Wortwitzeleien und Inszenierungsspielchen wollen nicht so richtig zünden und lassen den Zuschauer und die Zuschauerin immer wieder ratlos zurück. So gibt Natalie Hünig als Leonces Kompagnon Valerio einen Italo-Schlager zum Besten, der Beifall mehr als verdient hätte, den das verwirrte Publikum aber leider nicht geben konnte. Ja, sie flüchten nach Italien, der Bezug ist klar, aber auch hier ist der Inszenierungs-Funke nicht wirklich übergesprungen. Mit dem Auftritt von Prinzessin Lena (Sarah Maria Grünig) und ihrer Gouvernante (Mirjana Milosavljević) kommt noch einmal Schwung in die Erzählung – obwohl man sich fragt, warum ausgerechnet Lena eine Matratze (!) sein muss.
Ja, das knallbunte Bühnenbild mit vielen Kunstanspielungen, die tolle Maske und die innovativen Kostüme machen Spaß – aber irgendwie ist von allem zu viel auf der Bühne, sodass sich Büchners Satire-Lustspiel in Absurditäten und Anspielungen verliert und dabei aber immer irgendwas zu fehlen scheint. »Mehr ist mehr« ist vielleicht nicht immer genug.
Allerhand
Unter dem Motto »allerhand« lädt das Staatstheater Augsburg mit seinen fünf Sparten Musiktheater, Schauspiel, Ballett, Konzert und Digitaltheater zu einer vielseitigen und spannenden Spielzeit ein.
Mit dabei sind große Neuproduktionen bekannter Werke wie »Carmen« (18. Oktober) und »Die Dreigroschenoper« (27. Februar), ebenso neue Termine für Publikumslieblinge wie »Frida« (4. Oktober) oder »Mord im Orientexpress« (13. November), die in der laufenden Saison stets ausverkauft waren.
Die erste Premiere der Saison ist Georg Büchners Lustspiel »Leonce und Lena« in der Regie von Staatsintendant André Bücker am Samstag, 27. September, in der Interimsspielstätte Martini-Park, gefolgt von Armin Petras’ Inszenierung »Der lachende Mann« nach Victor Hugo am Freitag, 3. Oktober, in der Brechtbühne im Gaswerk. Klassiker wie Goethes »Stella« (25. April) stehen ebenso auf dem Spielplan wie Uraufführungen – eine davon mit historischem Bezug und realem Spielort, nämlich die neueste Folge des Theater-»Tatorts« (13. Dezember) in der Augsburger Fuggerei.
Im Musiktheater werden mit Bizets »Carmen«, Nicolais »Die lustigen Weiber von Windsor« (29. November) und Monteverdis »Krönung der Poppea« (28. März) sowie der avantgardistischen Oper »Die Schöne und das Biest« (23. Mai) von Philipp Glass Klassiker verschiedener Jahrhunderte präsentiert. Auf der Freilichtbühne ist als Neuinszenierung ab Juni 2026 das Monty-Python-Musical »Spamalot« (27. Juni) zu erleben.
Das Ballett plant in der kommenden Saison gleich zwei Neuproduktionen auf der großen Bühne im Martini-Park: Für das Tanztheater »Mozart-Requiem« (31. Januar) (gemeinsam mit dem Opernchor und den Augsburger Philharmonikern) konnte US-Choreograf Peter Chu erneut für Augsburg verpflichtet werden. Für »Les Noces & Le Sacre du printemps« (18. April) arbeiten Ballettdirektor Ricardo Fernando und die niederländische Choreografin Didy Veldman zusammen. Ein Kammerballettabend des Choreografen-Duos Riva und Repele sowie die Internationale Ballett- und Tanzgala (7. und 8. Februar) runden das Programm ab.
Zum fünfjährigen Bestehen setzt die jüngste der Augsburger Sparten, das Digitaltheater, auf neueste Technologien und verknüpft diese mit klassischem Theater. »Die Reise zum Mittelpunkt der Erde« (30. Januar) nach Jules Verne ist dank Mixed-Reality-Brillen wörtlich zu verstehen, Ballett-Publikumsliebling »Frida« hält durch vr-theater@home Einzug ins Wohnzimmer. Mit dem Augmented-Reality-Erlebnis »Stadt:Raum« (Sommer 2026) wird schließlich der öffentliche Raum bei einem Stadtspaziergang mit Smartphone zum Leben erweckt.
Ein Leuchtturm-Projekt der Vernetzungsplattform Plan A in der kommenden Spielzeit ist »Re:Sound« (14. Oktober): Bürger*innen im Stadtteil Oberhausen sind eingeladen, gemeinsam unter künstlerischer Leitung eine mehrsprachige Community-Oper zu entwickeln, die ihre Geschichte transportiert. Eine gewichtige Kooperation geht das Staatstheater mit dem Universitätsklinikum Augsburg ein: Das fachkundig begleitete Projekt »Tanz mit Parkinson!« arbeitet mit der positiven Wirkung von Tanz, Bewegung und künstlerischem Ausdruck für an Morbus Parkinson erkrankte Menschen.
Eine Übersicht aller Produktionen und Vorstellungstermine für die Spielzeit 2025/26 ist online einsehbar unter www.staatstheater-augsburg.de