Zwischen Diesseits und Jenseits
Bluespots Productions verwandelt den Gaskessel in eine Schnittstelle zwischen den Welten
Es ist die Zeit, in der der Tod wieder ins Leben tritt – oder vielmehr bewusster betrachtet wird. Wenn an Allerheiligen die Friedhöfe aufgesucht werden oder, wie am mexikanischen Día de los Muertos, die Toten ausgegraben werden. Die Auseinandersetzung mit Trauer, Tod und Verlust ist dabei so vielfältig wie wir Menschen selbst – und sowohl religiös als auch kulturell stark geprägt.
Mit ihrer performativen Installation »Orpheo« im großen Scheibengasbehälter sucht das Ensemble Bluespots Productions in der Trauerwoche einen eigenen Zugang zu Trauer, Tod und dem Vergangenen. Dass der geschützte Erfahrungsraum, in dem Trauer und Tod erlebbar werden, im Innern des Gaskessels liegt, prägt das Erleben maßgeblich. Vermeintlich ganz abgeschottet vom Außen wandern eigens dafür inszenierte Projektionen von Michael Gamböck über die kalten, unregelmäßigen Wände des Kessels. Licht und Dunkel verbinden sich mit den Soundcollagen, in deren Widerhall – verstärkt durch den dumpfen Raumklang des Kessels – die Texte von Helene Schönfeld (»Jenes Meer«) das Publikum treffen. Zwischen Plötzlichkeit, Angst, Bedeutung, Erinnerung, Verbindung und Fragen entfalten sich Zeilen, die uns die Momente des Verlusts näherbringen. Fremd dürften sie niemandem sein, wohl aber verdrängt – bewusst oder unbewusst vergessen.
Behutsam tastet »Orpheo« weiter die Vielschichtigkeit der Trauer ab. Das Publikum erlebt einen Perspektivwechsel: vom Außenstehenden mitten hinein ins Zentrum des Geschehens. Umringt von der Performance legt es im stillen und andächtigen Moment ein Stück seiner selbst als persönliche Verbindung nieder – in einer Dramaturgie, die unweigerlich an Beerdigungen erinnert.
Seinen Abschluss findet »Orpheo« in der vom Publikum gerne aufgegriffenen Möglichkeit, Botschaften an jene zu senden, die man verloren hat. An den Wänden des Kessels finden sich so vielfach die Motive wieder, die zuvor in den Soundcollagen aufgegriffen wurden – Botschaften ins Jenseits, die mit gekonnten Licht- und Schattenspielen so wirken, als würden sie der Performance nach oben entschweben, um dem Raum in andere Sphären zu entrinnen. Reflektierend überstrahlt das obere Ende des Gaskessels dessen schwarze, ölige Wände – wie das sprichwörtliche Licht am Ende des Tunnels.
Bluespots gelingt die vielseitige Inszenierung eines Tabuthemas unserer Gesellschaft – und das an einem Ort, der in seiner Symbiose aus vergangener Energieproduktion, Industriearchitektur sowie zeitgenössischer Kreativität und Kultur fast symbolisch die Welten diesseits und jenseits verbindet.