Der Biedermann von heute
Die Premiere von »Biedermann und die Brandstifter« im Sensemble Theater ist ein voller Erfolg und bietet ein unterhaltsames Erlebnis, bei dem einem das Lachen im Hals stecken bleibt.
Der 15. November 2025 markiert die Aufnahme von Max Frischs »Biedermann und die Brandstifter« in das Programm des Sensemble Theaters. An diesem Abend feierte das Theater mit einer ausverkauften Premiere einen fulminanten Auftakt für einen relevanten und aktuellen Diskurs.
Das satirische Element dieses Stücks ist allen Mitwirkenden auf vielerlei Ebenen gelungen. Auch einige der Merkmale des Sensemble Theaters, der clevere Einsatz multimedialer Requisiten und ein dynamisches Bühnenbild, finden sich in dieser Inszenierung von Philipp J. Neumann wieder. Dabei ist es das Gegenteil von überladen: Die bespielten Röhrenfernseher ordnen noch vor dem ersten Auftreten der Schauspieler*innen den inszenierten Text ein. Terra X-Beiträge und andere Dokumentationen über rechtspopulistische Systeme kontextualisieren das Drama der 1950er-Jahre. Noch deutlicher wird der Text mit aktuellen Berichten über den Rechtsruck in Europa und der deutschen Jugend ins Jetzt geholt. Im Kontrast dazu steht die Bühnenästhetik und Musikauswahl, die den Biedermeier mit Ikea-Möbeln mischt und den Stammtisch ins Wohnzimmer bringt. Die Absurdität dieser Gegensätze trifft genau den Ton des inhaltlichen Kerns; Damit bleibt das Stück am Puls der Zeit.
Besonders das Kostüm unterstützt die Brücke, die zwischen der Vergangenheit und Heute geschlagen wird: Die zusammenpassenden Pullover und Jogginghosen wie auch neonfarbene Adiletten zitieren fast schon plakativ die 2020er-Jahre an, deren Modetrends von Lockdowns und Homeoffice geprägt sind. Damit reproduziert die Inszenierung die Verschiebung der politischen Landschaft in Deutschland zu dieser Zeit und macht das Stück aktueller denn je.
Auch die schauspielerische Leistung bestreitet großartig die schmale Gratwanderung der Satire: Das Comic Timing der Schauspieler*innen Johannes Haag (Gottlieb Biedermann), Petra Wintersteller (Babette Biedermann), Birgit Linner (Josef Schmitz) und Winfried Gropper (Wilhelm Eisenring) gibt sich mit einschüchternden Schreigelagen, die an die Karikatur eines Wutbürgers erinnern, die Hand. Sie zeichnen die Diskussion über Revolte und alteingesessene Strukturen, Moral und Klassenunterschiede auf eine packende Art und Weise ab, wie es das Theater besonders gut kann.
Eine empfehlenswerte und zum Nachdenken anregende Inszenierung, denn die Themen Mitläufertum und Selbstjustiz werden heutzutage stetig lauter. Biedermann stellt uns nämlich eine entscheidende Frage: »Was hätten Sie denn getan, Herrgott nochmal, an meiner Stelle? Und wann?«
Alle weiteren Vorstellungstermine unter www.sensemble.de