Achtung Turbulenzen!
Corner Chor und Performic präsentieren »Fasten your seatbelt«. Gemeinsam mit dem Chor erkunden die Zuschauer*innen die Villa Schöne Felder und erleben viel Mut, Verzweiflung aber auch Hoffnung.
»Fasten your seatbelt« – ein Ausspruch aus dem Flugzeugverkehr. Wenn Turbulenzen auf die Maschine zukommen, sollten sich alle Insass*innen hinsetzen und sich fest anschnallen. Turbulent wird es auch bei der musikalischen Performance des Corner Chor in der Villa Schöne Felder, einem Künstler*innenhaus in der Schaezlerstraße in Augsburg.
Was bedeutet es, mutig zu sein – im Großen wie im Kleinen? Wie fühlt man sich, wenn man aufgrund sexueller Orientierung, Herkunft oder Geschlecht angefeindet wird? Worin besteht mein persönlicher Mut-Moment, in dem ich für mich und für andere einstehen möchte? Mit solchen Fragen im Gepäck begab sich der Chor zusammen mit Regisseurin Gianna Formicone und Komponistin Johanna Walleser aka Djonni Laser, die das Stück für den Corner Chor konzipiert haben, zu einem intensiven Come-together in die Schweiz. Dort wurden in persönlichen Impro-Sessions die einzelnen Performances entwickelt, an denen seit März dieses Jahres geprobt wird.
Der Chor hat sich neben der Kunst auch dem Aktivismus verschrieben, um für Sichtbarkeit und Sicherheit von FLINTA-Personen einzustehen, die aufgrund ihrer Geschlechtsidentität Diskriminierung erfahren. Dass Aktivismus Mut verlangt, weiß der Chor besonders seitdem das Zentrum für Politische Schönheit mit dem Corner-Chor-Song »Scheiß AfD« das Sommerinterview mit Alice Weidel untermalte und daraufhin ein Schwall an digitalen Beschimpfungen und Drohungen auf den Chor niedergegangen ist.
Mut ist nicht einfach. Er kostet Überwindung und bedeutet oft ein Heraustreten aus der Komfortzone. So war auch die musikalische Performance eine Neuheit für das Ensemble des Corner Chor, das sich bisher ausschließlich mit Gesang beschäftigt hat – ein mutiger Schritt in die Theaterperformance, der sich ausgezahlt hat. Ob im Treppenhaus, in einem langen Gang oder im Dachgeschoss: Die Sängerinnen überzeugen durch Authentizität, Natürlichkeit und Frische. Gemeinsam mit dem Chor erkunden die Zuschauer*innen die Villa Schöne Felder, einen verschachtelten Bau mit vielen Zimmern und Stockwerken, in dem es an einigen Stellen auch einmal eng werden kann.
Nachdem die Sänger*innen im Treppenhaus ihre goldenen Jacken abgestreift haben – Jacken, die sie wie in einem Käfig gefangen halten: einatmen, lächeln, funktionieren, wie es die zunehmend hektisch sprechende, maschinelle Stimme aus den Lautsprechern vorgibt – geht es weiter ins Dachgeschoss. Chor und Publikum befinden sich in zwei aneinandergrenzenden Räumen, man lauscht konzentriert den berührenden und zugleich humorvollen Chor-Melodien. Es geht darum, den eigenen Sicherheitsgurt anzulegen, wenn das Leben mit unnachgiebiger Wucht überrollt, und darum, Verzweiflung in neue Chancen und Isolation in Gemeinschaft umzuwandeln.
Djonni Lasers Arrangements vereinen klassische Melodien mit modernen Clubsounds und verstärken die Intensität der Gesangsperformance, die sich von Raum zu Raum steigert, bis sie im Finale in einer Art Kampf-Tanz kulminiert. Darin positionieren sich die Sänger*innen des Corner Chor klar: Sie gehen in die Konfrontation gegen Unrecht und kämpfen mit Mut für Gleichberechtigung. Und sie machen deutlich, dass sie viele sind. Man könnte ihnen noch stundenlang zuhören.