Literatur

Über den Einband hinaus

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Gastautor

Wie der Welttag des Buches Zugänglichkeit schafft. Ein Kommentar von Agatha Heinold

Seit 1995 besteht der Welttag des Buches: Als weltweiten Feiertag erklärte die UNESCO den 23. April, an dem Bücher, das Lesen und Autor*innen in den Fokus gestellt werden. Mittlerweile handelt es sich um einen Tag, der in der Buchbranche und von Lesenden begeistert zelebriert wird und eine wertvolle Verbindung zwischen Kunstschaffenden und ihrem Publikum schafft. Insbesondere die Leseförderung junger Menschen und Kinder ist ein wichtiger Aspekt, der mit verschiedenen Aktionen der teilnehmenden Buchhandlungen, Verlage, Bibliotheken und Schulen aufgegriffen wird. Sich durch Geschichten und Berichte weiterzubilden und Zugang zur eigenen Kreativität zu finden, ist ein zentraler Baustein der Entwicklung und nicht selbstverständlich. 

Vor allem Mädchen, Kinder mit Lernschwächen und Behinderungen, in Ländern wie Deutschland auch Kinder, deren Erstsprache nicht Deutsch ist, sowie queere Kinder leiden unter einem System, das leistungsorientiert konstruiert ist. Von absoluter Chancengleichheit kann nicht die Rede sein. Parallel dazu wird aufgrund heteronormativer und widersprüchlicher Strukturen vielen Jungen die Freude am Lesen abgesprochen, um die Komplexität ihrer Entwicklung scheinbar zu vereinfachen: Das Phänomen der Hyperaktivität, der Drang nach Bewegung und das damit einhergehende Rollenbild des »praktischen, handwerklichen Jungen« vertragen sich nicht mit der ruhigeren Tätigkeit des Lesens. 

Dabei ist der Wunsch nach Fantasie und Kreativität bei allen Kindern vorhanden; die Sozialisierung und die unterschiedlichen Auslegungen patriarchaler Rollenvorstellungen entscheiden, ob und wie die Freude am Lesen gefördert wird und ob auf die jeweiligen Bedürfnisse des Kindes eingegangen wird. Umso entscheidender ist ein übergreifender Feiertag, der nicht das Genre, das Leselevel oder das Schriftsystem in den Mittelpunkt stellt, sondern das Lesen als Kultur- und Bildungsakt. 

Doch auch die Förderung des Leseverhaltens Erwachsener ist nicht zu unterschätzen: Viele, vor allem berufstätige Menschen, berichten von einer Art »Lesemüdigkeit«. Der Wunsch nach Eskapismus und leichter verdaulichen Geschichten – unabhängig vom Medium – ist groß. Die Nachfrage nach »Feel-Good«-Literatur steigt, um sich vom stressigen Arbeitsalltag sowie von der eskalierenden politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und ökologischen Krise abzugrenzen. Primär sollte jedoch, wie auch bei Kindern und Jugendlichen, nicht darauf fokussiert werden, was, sondern dass gelesen wird. 

Die Rückeroberung der eigenen Fantasie in einem kapitalistischen System, in dem Kreativität ausgeklammert oder monetarisiert wird, ist ein nicht unerheblicher Schritt zurück zu dem, was Literatur und Kultur besonders macht: Sie schaffen Verbindung. Es entsteht ein Dialog zwischen Schreibenden und Lesenden – in Buchclubs, Fandoms und nicht zuletzt mit sich selbst. 

Wie kann über diesen Welttag hinaus langfristig eine niedrigschwellige Verbindung zwischen Kunstschaffenden, Kulturliebenden und Lesebegeisterten geschaffen werden? Wie kann eine solche Lösung aussehen, um Kinder und Erwachsene in einer Leistungsgesellschaft beim Lesen zu halten und die Freude an Bildung und Geschichten zu stärken?

Ein erster Schritt ist das Feiern von Kultur und Literatur sowie der zwischenmenschlichen Verbindungen, die durch das Lesen entstehen, indem der kulturelle Wert des Lesens und die Daseinsberechtigung von Büchern und Geschichten ins Licht gerückt werden. Darüber hinaus sind die Förderung von Bildungsprojekten, Investitionen in Bildungseinrichtungen und dazugehörige Bibliotheken sowie communitybasierte Aktionen wie Bücherflohmärkte, Lesungen oder Buchclubs in verschiedenen Sprachen essenziell.

Anlässlich des Welttags des Buches gibt es dieses Jahr in und um Augsburg (Stand jetzt) nur wenige Angebote. Auf der Seite des Bistums Augsburg ist ein knappes Programm zu finden: Für Kinder wird in der Katholischen Bücherei Oberschöneberg von 16 Uhr bis 17 Uhr eine Aktion inklusive Buchgeschenk angeboten. Zusätzlich ist von 19:30 Uhr bis 21 Uhr ein allgemeiner, gemütlicher Leseabend geplant.

Der Zugang zur eigenen Fantasie und zu Hobbys ist ein unschätzbarer Wert: Zwar werden Hobbys in einer kapitalistischen Gesellschaft oft kommerzialisiert, doch der Austausch darüber – ebenso wie die Entscheidung, was wir lesen und worüber wir sprechen und schreiben – bleibt uns überlassen.

 

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