Tanz
Theater & Bühne

Einbindung und Ausstoßung

Les Noces Sacre Staatstheater

Der Ballettabend von Didy Veldman und Ricardo Fernando feierte im Martinipark den Komponisten Strawinsky (allerdings nur »vom Band«) und hinterfragt in der Ballettkantate »Les Noces« und in »Le Sacre du printemps« (Das Frühlingsopfer) das Potenzial kollektiver Rituale im Tanz.

Atemberaubend die Schrecksekunde vor dem finalen Blackout, in der Martina Piacentino als wagemutige Heldin von vier Tänzern zirkusreif in die Luft geschleudert wird. Ihr »Opfer« ist Teil der ausweglosen, rigiden Ordnung. So sichert sich ein undurchdringliches, letztlich erbarmungsloses System im Kollektiv sein Überleben. »Was geschieht, vollzieht sich durch viele – ohne eindeutige Verantwortung«, so klärt Dramaturg Nikolas Léwy im Programmheft auf. Deutlich vernehmbar war bei diesem fulminanten Premierenhöhenflug die Anspannung des Publikums, das die sprung- und leistungsstarke, auf Synchronizität getaktete 18-köpfige Augsburger Company in zwei unterschiedlich starken Choreografien begeistert feierte. Geschuldet nicht zuletzt der Faszination, die im naht- und zeitlosen Zusammenklang von Strawinskys rhythmisch explosiver Wucht und modernem Ballett seit über 100 Jahren unausweichlich ist. Wir erleben Musik, die gerade im »Sacre« eine körpersprachliche Antwort provoziert, die virtuos mit Dynamiken arbeitet und über die Bewegungskunst der Tänzer*innen pulsierende Energie sichtbar macht, die sich wie brodelnd heiße Lava auf der Bühne Bahn bricht.

Mit dem Phänomen »Rituale« – hier Hochzeit, dort Frühlingsopfer, hier Einbindung, dort Ausstoßung – findet sich eine schlüssige Klammer für beide Meisterwerke, die Musik- und Tanzgeschichte schrieben. Was das »Sacre« betrifft, könnte man meinen, jede*rChoreograf*in sehe sich verpflichtet, dieses überwältigende Stück persönlich, aber auch in Abgrenzung zu legendären Schöpfungen wie etwa der von Pina Bausch zu interpretieren. Ricardo Fernando hat richtig entschieden und sich auf ein Ritual, das überall und immer stattfinden könnte, sowie die Aussage- und Spannungskraft purer Ensembledichte konzentriert. Dabei blieb sein Bühnenraum bis auf eine Lichtsäule völlig leer, die erst gegen Ende die Gefahr und die Zuspitzung signalisiert. Als Ballettchef, der 18 Tänzer*innen zur Verfügung hat, die sich an diesem Strawinsky-Abend zweimal in Folge als Ensemble behaupten müssen, hat er wohl auch taktisch und an den Kräftehaushalt gedacht. So mutete »Les Noces« in opulenter Ausstattung, das der holländischen Choreografin Didy Veldman anvertraut war, ein wenig wie ein Warm-up zum eigentlichen Ballett­ereignis »Le Sacre« an. Als berauschender Kraftakt verlangt das den Tänzer*innen absolute Präsenz, spektakuläre Gruppendynamik und solides Sprungvermögen ab. Veldman wollte aus heutiger Perspektive über »Les Noces« (UA 1923) die Bedeutung der Hochzeitsfeier zwischen Tüll und Tränen, Kitsch und romantischer Illusion sowie Bindungsangst und -willen hinterfragen. Mit dem definitiv (heraus)fordernden musikalischen Hintergrund, der sich ursprünglich auf konkrete altrussische Bauernhochzeiten bezieht, ging das nur selten auf. So fehlten ihrer Choreografie der spannungserzeugende Bogen oder doppeldeutig zündende Aussagen. Das freudig erregte, in attraktives Altar-Weiß gekleidete Ensemble zeigte sich flexibel im »Bäumchen-wechsel-dich«-Modus, formierte sich zu Party-Snapshots, ließ Glitterkanonen knallen und blieb mit der Choreografin den mit innovativer Tanzsprache erfüllten Erkenntnisgewinn schuldig.

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