Vorhang auf für die Utopie
Das Utopia in Action-Kollektiv denkt Theater interaktiv. Ein Kommentar von Agatha Heinold
Das Staatstheater Augsburg und das Sensemble Theater sind die wohl bekanntesten Theaterinstitutionen in Augsburg. Doch was gibt es darüber hinaus? Was macht die Theaterlandschaft in dieser Stadt vielfältig? Bei meiner Recherche bin ich auf das Utopia in Action-Kollektiv (UiA) gestoßen, das Theater handlungsorientierter denkt. Ich habe mich mit Nina Roob und Rosa Koeniger zum Gespräch getroffen und über einen mir bis dahin unbekannten, aber wertvollen Ansatz des Theatermachens gesprochen.
Seit 2024 existiert diese Gruppe. Im Rahmen eines Theaterworkshops zum Thema Zeitmangel, geleitet von Koeniger, kam auch Roob in diese Konstellation dazu. Die Idee hinter der Entstehung ordnet Koeniger so ein: »Mein Wunsch war, dass ich nicht einzeln mein Projekt anbiete, sondern dass ein Kollektiv daraus erwächst.« Roob ergänzt dies mit dem Gedanken, »dass wir aus unserem Kern heraus unser Wissen teilen wollen. Jedes Mitglied unseres Kollektivs hat die Möglichkeit, weitere theatrale, kreative und körperorientierte Ausdrucksmethoden anzuleiten.«
Damit sich das UiA-Kollektiv und seine Angebote so divers weiterentwickeln können, braucht es gute Vernetzung: So beschränkt sich diese Gemeinschaft nicht auf eine Spielstätte, sondern ist mit verschiedenen in Kontakt, wie z.B. dem City Club oder dem Grandhotel Cosmopolis – wichtige Knotenpunkte der Kulturlandschaft hier. Einen besonderen Spiel- und Probeort stellt die Ballettakademie assemblé dar: Die Leitung Johanna Drüszler bietet die Räumlichkeiten für das Kollektiv an. Roob betont die Wichtigkeit dieser Verbindung: »In unterschiedlichen Projekten haben wir gemerkt, dass das assemblé zu einem safer space für uns geworden ist. Das merken auch die Teilnehmenden: Es hat eine wohlige, heimelige Ausstrahlung, die dazu einlädt, sich einfach auszuprobieren.« Dass der Raum des Tanzes also für andere Kunstformen geöffnet wird, kommt allen Beteiligten zugute und schafft einen einzigartigen Kulturort in der Stadt.
Doch worin unterscheidet sich das Angebot von UiA von bspw. einem Spielclub, den es auch am Staatstheater gibt? UiA bringt eine neue Perspektive nach Augsburg, die Roob als »interaktive Form des Theatermachens, das es in Augsburg meines Wissens nach so noch nicht gibt« bezeichnet. Eine zentrale Methode des Kollektivs ist das sogenannte Theater der Unterdrückten nach dem brasilianischen Theatermacher Augusto Boal. Das ist eine Theaterform, die das Publikum einlädt, die Szenen aktiv ( zum Besseren) zu verändern. Wie der Theaterworkshop Koenigers, der zur Entstehung von UiA führte, stehen insbesondere gesellschaftliche Fragen im Vordergrund. Die Idee dahinter ist, durch Interventionen des Publikums eine Veränderung der sozialen Umstände der Gegenwart herbeizuführen. Diese gemeinschaftliche Kunstform möchte UiA in Augsburg noch mehr verankern.
Neben dieser Methode steht für Koeniger noch ein weiterer Aspekt im Mittelpunkt – das Kollektiv als solches: »Ich finde Kollektive immens wichtig. Hier wird allen Menschen die Möglichkeit gegeben, sich auszudrücken und die Gesellschaft kreativ mitzugestalten. Das ist der einzige Ort, wo man wirklich unabhängig Kunst machen kann zu Themen, die vielleicht nicht gefördert werden, aber sich einfach aufdrängen.«
Das Kollektiv möchte weiterwachsen und alle Menschen, die gerne auf kreative Art die Gesellschaft mitgestalten wollen erreichen. Dafür ist das Vernetzen entscheidend. Momentan begrenzt sich die Vernetzung zum Großteil auf Augsburg und persönliche Kontakte. Einer dieser Kontakte ist das queerfeministische Künstler*innen-Kollektiv mehr*kollektiv. Im April fand ein gemeinsamer Workshop zum Lambe-Lambe-Theater statt, eine Form des Puppentheaters, das beiden Kollektiven in ihren Schwerpunkten neue Impulse mitgeben konnte. Ein weiterer wichtiger Kontakt besteht nach Berlin zu Barbara Santos. Sie wird im Juni sogar nach Augsburg kommen, um als Gast einen Intensiv-Workshop anzuleiten – eine gute Möglichkeit, diese Theaterform kennenzulernen.
UiA ist also mehr als eine Theatergruppe: Es ist ein Kollektiv, das verschiedene Formen der Kunst und Kreativität in sich vereint und durch ebendiesen Zusammenschluss nach einer besseren Zukunft strebt. Wer also Lust hat, sich auszuprobieren und mit Spaß und Kreativität die Gesellschaft zu verändern, ist vom UiA-Kollektiv herzlich eingeladen. Laut Koeniger können alle »einfach vorbeischauen und schnuppern. Das Einzige, was ihr braucht ist Offenheit, Neugier und den Wunsch, in einer utopischen Welt zu leben.«
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