Atemberaubend die Schrecksekunde vor dem finalen Blackout, in der Martina Piacentino als wagemutige Heldin von vier Tänzern zirkusreif in die Luft geschleudert wird. Ihr »Opfer« ist Teil der ausweglosen, rigiden Ordnung. So sichert sich ein undurchdringliches, letztlich erbarmungsloses System im Kollektiv sein Überleben. »Was geschieht, vollzieht sich durch viele – ohne eindeutige Verantwortung«, so klärt Dramaturg Nikolas Léwy im Programmheft auf.
Bewegende Verbindungen
Das experimentelle Ausdruckspotenzial der modernen Tanzsprache(n) formte den mit viel Beifall gewürdigten zweiteiligen Tanzabend »Pharos. from where I stand & where we meet«, der am Freitag und Samstag im Abraxas gezeigt wurde.
»Stofflich« haben sich die drei Tänzerinnen des Augsburger Kollektivs ContempoGary mit der Kostümdesignerin Rebecca Bender, die als Veranstalterin das Publikum begrüßte und in den Abend einführte, auf das Thema des »Verbunden-Seins« verständigt.
1892 präsentierte Loïe Fuller erstmals ihren spektakulären »Serpentinentanz«. Auch damit schrieb die Amerikanerin, die zu Lebzeiten zahlreiche Kunstschaffende inspirierte, als Pionierin Tanzgeschichte. Und nicht ganz hundert Jahre später zog die enorm aufwändige Rekonstruktion (Rebecca Bender) als immersiv wirkende und starke »Hommage an Loïe Fuller« das Publikum unmittelbar in ihren Bann. Für das opulente Seidenkostüm mit den die Arme verlängernden Aluminiumstäben wurden rund 30 Meter Stoff vernäht! Scheint in diesem Tanzsolo das farblich raffiniert illuminierte Kostüm der eigentliche Star, so forderte es seiner Trägerin, der jungen Dresdner Tänzerin Elsa Johanna Cordt, doch höchste Konzentration ab. Mit präzise gelenkter Armführung nach vorne, nach oben oder in die Körpermitte und mit nahezu schwindelerregenden Drehungen generierte sie traumhaft wogende Welleneffekte. In ihrer Ästhetik erinnerten sie an die Eleganz von Schmetterlingsflügeln oder das sanfte Dahingleiten von Mantarochen. Und so waren der Zuschauer*innenfantasie keine Grenzen gesetzt und das Staunen zur dezenten Musikuntermalung vorprogrammiert!
Wie auszehrend, wie toxisch sich ein Alltagspensum auswirkt, wenn man sich ihm als taffe Einzelkämpferin unterwirft, um sich in immergleichen Abläufen und Prozessen zu verlieren, das zeigte das erste Stück des Tanzabends. Wie fremdgesteuert, roboterhaft und isoliert agierten die Tänzerinnen Christiane Kuck, Wolfrun Schumacher und Veronika Drescher, die lange um sich selbst kreisten und mit Akkuratesse den rhythmisierten Bewegungsmustern nachspürten. Irgendwann suchten und fanden sie jedoch die Nähe der anderen. Die Bewegungen synchronisierten sich allmählich, bis sich ein Trio bildete, das Wärme, Geborgenheit und Halt vermittelte und damit der zwischenmenschlichen Begegnung den Raum gab, der zur sanften Atempause in einem sonst sinnentleerten Einzeldasein wurde.