In »Orca« wird aus der Perspektive der Protagonistin Cora erzählt, die sich immer weiter in einem endlos wirkenden Doppelleben aus Lügen verstrickt. Die anfangs ehrgeizige Schülerin einer Eliteschule hat ein unglaubliches Bedürfnis nach Anerkennung. Die »rich kids« ihrer Schule nehmen sie nicht wirklich freundlich auf und sie landet durch ihre ehemalige Kindheitsfreundin Olympia in einer klimaaktivistischen Gruppierung, in der sich beide immer weiter radikalisieren, jedoch aus unterschiedlichem Antrieb.
Geschichten von Heimat, Freundschaft… und Zikaden?
Am 5. Oktober fand die Preisverleihung des deutschen Buchpreises 2026 statt. Wie jedes Jahr zeichnet die Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse den deutschsprachigen Roman des Jahres aus.
Die finale Preisträgerin wurde in einem mehrstufigen Prozess ausgewählt. Eine siebenköpfige Jury sichtete 205 Titel, die zwischen Oktober 2025 und dem 5. September 2026 erschienen sind. Aus diesen Romanen wurde eine 20 Titel umfassende Longlist zusammengestellt. Daraus haben die Juror*innen sechs Titel für die Shortlist gewählt.
Unter den diesjährigen Nominierungen befanden sich diese sechs Titel in der engeren Auswahl:
Shida Bazyars »Die Lücken«, Dana Vowinckels »Anton und Alma«, Peggy Mädlers »Selbstregulierung des Herzens«, Elias Hirschls »Schleifen« und Valeria Gordeevs »Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle«. Außerdem fand Franziska Gänslers Roman »Orca« ebenfalls einen Platz auf der Shortlist.
Die Augsburger Autorin erzählt darin von der Freundschaft zweier junger Frauen, ihrer Loyalität und dem unbedingten Willen, dazuzugehören und zeichnet damit die Träume einer ganzen Generation. Mit ihrer unglaublichen Bildsprache und metapherreichen Erzählweise gelingt es Franziska Gänsler, Lesende selbst Teil der Geschichte werden zu lassen.»Orca« schaffte es zwar »nur« unter die Titelfinalisten, der Roman ist dennoch absolut empfehlenswert.
Die Gewinnerin des »Roman des Jahres 2026« ist Shida Bazyar mit »Die Lücken«.
Nach ihren gefeierten Romanen über Exil und postmigrantische Gegenwart legt die Autorin nun eine literarische Archäologie der Heimat vor. In einer präzisen Tiefenbohrung der Provinz stellt sie die radikale Frage: Auf welchen Fundamenten bauen wir unsere Heimat?
Der fiktive Ort »Heimesbach im Hunsrück« ist der Dreh- und Angelpunkt in Bazyars »Die Lücken«. Es ist eine Gemeinde, die ihre Vergangenheit aktiv verschweigt und zugleich zum Zufluchtsort für diejenigen wird, die hier Geborgenheit suchen. Der Roman führt Lesende durch die Jahre und die Köpfe derer, die das Dorf prägten: von jüdischen Familien, die alles verloren, über NS-Profiteure, die sich als unschuldige Mitläufer neu erfanden, bis hin zu den Familien Sharifi und Karimpour, die Jahrzehnte später aus dem Iran flüchten. Shida Bazyar gelingt ein virtuoses Erzählmosaik über die Last der Geschichte, die Lüge des Neubeginns und den Wunsch, endlich eine Heimat zu finden.
Die Jury begründete ihre Entscheidung:
»Heimisch in Heimesbach – kann man das sein? Der Roman »Die Lücken« von Shida Bazyar reflektiert anhand einzelner Figurenschicksale fast 100 Jahre ambivalenten deutschen Lebens. Es waren Nachbarn, die zusahen, wie jüdische Menschen aus den Straßen verschwanden. Es sind Nachbarn, die Entscheidungen treffen, ob Menschen mit Migrationsgeschichte sich zu Hause fühlen. Die Autorin wählt überzeugende literarische Strategien: Der Blick einer toten Erzählerin und die kaleidoskopische Struktur des Textes ermöglichen es, zwischen den Zeiten zu springen sowie Nähe und Distanz zu erzeugen. Auch die enge Verbindung von fiktiven und dokumentarischen Elementen, von erfundenen und historischen Figuren, die selbst eine Stimme bekommen, erzeugen den starken Nachhall des Textes. Ein Roman gegen Gleichgültigkeit.«
Alle Informationen zur Preisverleihung 2026 unter: deutscher-buchpreis.de