Willkommen im Minenfeld

kulturdeinestimme
a3kultur-Redaktion

Am 16. März wurde die bürgerliche Mehrheit von CSU, CSM und Pro Augsburg abgewählt. An ihre Stelle wird in den kommenden Jahren eine schwarz-rot-grüne Koalition Regierungsverantwortung in Augsburg übernehmen. Die meisten der politisch denkenden Vertreter der kulturellen Szenen begrüßen diese Entwicklung – zu Recht.

Zahlreiche Kulturschaffende haben Anteil am Wahlergebnis, und zwar nicht nur als Stimmvieh. Sie entsprechen weitgehend dem Profil der Bürger, die überhaupt noch zur Wahl zu bewegen sind. Doch das ist ihnen zu wenig. Nie vorher hatten sich Augsburger Künstler, Programmmacher und Kulturinteressierte so konsequent zusammengetan, um an den bestehenden Verhältnissen in unserer kulturpolitischen Landschaft eine Änderung herbeizuführen. Es wurden Räte ins Leben gerufen, alte Netzwerke reaktiviert, Programme verfasst, Tagungen abgehalten, es wurde sehr viel, durchaus auch kontrovers, besprochen und oft einfach nur zugehört.

Der Motor dieser Entwicklung ist die »Ständige Konferenz«. Ohne Vereinsstatus oder durch ähnliche Organisationsformen gestützt trafen sich seit Herbst letzten Jahres in diesem Gremium die Vertreter der kulturellen Szenen und erarbeiteten unter anderem einen 14 Punkte umfassenden Forderungskatalog. Basis dafür waren nicht zuletzt die a3kultur-Wahlprüfsteine, die unsere Redaktion seit Mai 2013 publiziert hat. Hier wurden die verschiedenen Bereiche unserer kulturellen Stadtlandschaft auf ihre Relevanz, Akzeptanz und Zukunftstauglichkeit hin untersucht. a3kultur dokumentierte sowohl ihren Istzustand als auch die Entwicklung der letzten Jahre und entwarf mit Dutzenden Kennern der unterschiedlichen Szenen Prognosen, anhand deren wir unsere Wahlprüfsteine formulierten.

Wenige Tage vor der Wahl konnte die Ständige Konferenz alle OB-Kandidaten zum Kulturdiskurs im Stadttheater begrüßen. Mehr als 300 Interessierte wollten diesen Schlagabtausch live miterleben und besetzten das Foyer bis auf den letzten Platz. Unter anderem sprachen sich an diesem Samstagnachmittag die drei direkt an der neuen Regierung beteiligten OB-Kandidaten für ein Stadttheater mit vier Sparten, eine stärkere Wahrnehmung zeitgenössischer Kunst sowie einen höheren Etat für die freie Projektförderung aus und stimmten geschlossen für eine transparente Vergabepraxis der Mittel für Kulturprojekte und Kultureinrichtungen. Das nachhaltigste Zeichen für die Kultur setzten bei dieser Diskussion allerdings die Zuschauer. Sie machten durch ihre Menge den Nachmittag zur größten Indoor-Veranstaltung im ganzen Kommunalwahlkampf und setzten damit die Kultur auch für die Politik auf die ständige Tagesordnung.

Mit Kultur lässt sich vielleicht keine Wahl gewinnen, aber sie kann damit entschieden werden, auch in Augsburg. Der abgewählte Kulturreferent Peter Grab hatte aus dem Lager der Kulturmacher und -liebhaber nichts mehr zu erwarten. Er und sein Bürgerverein Pro Augsburg wurden nicht zuletzt auch dafür abgestraft, dass der politische Quereinsteiger es zu keinem Zeitpunkt seiner Amtsperiode verstanden hat, sich als oberster Lobbyist der Kultur in Szene zu setzen. Diesen unhaltbaren Zustand haben die Protagonisten der verschiedenen Szenen beendet. Nicht nur mit ihrer persönlichen Wahlentscheidung, sondern auch mit der vorhergehenden Arbeit ihrer Vertreter in der Ständigen Konferenz.

Wenn am 2. Mai aller Voraussicht nach Thomas Weitzel vom Stadtrat zum neuen Kulturreferenten gewählt wird, findet das bei weiten Teilen der Kulturschaffenden Zustimmung. Er ist wohl die einzige Person, die ohne Ausschreibung der Stelle eine so breite Akzeptanz aus den Szenen erfährt. Die zahlreichen Hintergrundgespräche von Unterhändlern der neuen Koalition mit Vertretern der Kultur zur Personalie werden zu einer ähnlichen Einschätzung geführt haben.

In seinen langen Jahren als Kulturamtsleiter in Augsburg entwickelte sich der gelernte Dramaturg nicht nur zu einem versierten Verwaltungsfachmann und international agierenden Festivalmacher. Weitzel gelang es in dieser Zeit, trotz enger Budgets eine tragfähige Vertrauensbasis zu den Machern aus den verschiedensten Kulturbereichen aufzubauen. So war er auch für die Ständige Konferenz von Anfang an ein wertvoller Gesprächspartner. Zu seinen wichtigsten Aufgaben im neuen Wirkungsfeld gehört nicht nur die Neuordnung von Themen wie Brecht oder Mozart. In die Weitzels Amtszeit wird der Umbau des Stadttheaters zum Kulturzentrum für alle Bürger ebenso fallen wie die Entwicklung eines Leitbildes Kultur und des dazugehörenden Kulturentwicklungsplans. Und ihm wird nicht viel Zeit bleiben, die Kultur auf Kurs zu bringen. Willkommen im Minenfeld!

Am 3. Mai trifft sich die Ständige Konferenz zwischen 10 und 13 Uhr im Foyer des Theaters Augsburg zur ersten Vollversammlung nach der Wahl. An diesem Tag sollen vergleichbar dem Kulturrat unter anderem Sprecher gewählt werden, um das Gremium nach außen zu repräsentieren. Geladen dazu sind alle Kulturschaffenden und Kulturliebhaber der Stadt, sofern sie bereit sind, im Gremium aktiv mitzuarbeiten.