Theater & Bühne

»Hierarchische Strukturen fördern Machtmissbrauch«

So befindet das Leitungsteam des Sensemble Theaters Anne Schuester und Dr. Sebastian Seidel. Im Rahmen von Teil 2 unserer Serie »Theater. Macht. Zukunft.« sprachen sie über veränderte Machtstrukturen an ihrem Haus, Demokratie in Entscheidungsprozessen und die Notwendigkeit eines öffentlichen Diskurses.

Demnächst steht die Buchpräsentation von »Ruiniert euch« auf dem Programm, einer Publikation, die von euch mitherherausgegeben wurde und unter anderem den Zusammenhang von Theater und Engagement thematisiert. Wie ernst ist die Lage im Sensemble?
Sebastian Seidel: Die Lage bleibt angespannt, da wir immer noch nicht wissen, wie es ab August weitergeht. Wir dürfen immer noch nicht mehr als 42 Zuschauer statt wie üblich über 100 in unser Haus lassen. Momentan gibt es einen Sonderfonds, der das ausgleicht. Neben dem Theaterbetrieb engagieren wir uns derzeit viel politisch und gesellschaftlich. Vieles, was wir sonst auch machen, aber nicht so intensiv wie derzeit. Die Verbindung zwischen Theater und Engagement ist aktuell also noch viel stärker als sonst.  

Welchen Führungsstil pflegt ihr im Sensemble Theater?
Anne Schuester: Wir pflegen immer schon einen sehr kollegialen Führungsstil. Wir besprechen Entscheidungen mit allen Mitarbeiter*innen, damit alle die Entscheidungen mittragen. Als freies Theater sind wir darauf angewiesen, dass wir gemeinsam Wege gehen wollen. Vielmehr noch ist das eine Grundlage für uns, wir denken so. Deswegen sind wir in einem freien Theater und nicht in einem hierarchisch geführten Theaterbetrieb.

Ihr habt eure Macht- und Hierarchiestrukturen geändert. Warum?
Sebastian Seidel: Anne ist nun offiziell Teil der Leitung des Sensemble Theaters. Eigentlich war das schon immer so, aber nicht nach außen offiziell kommuniziert. Für die Kommunikation mit der Stadt, Ministerien, Sponsoren etc. macht das aber vieles einfacher. Anne ist nun offizielle Ansprechpartnerin und auch Entscheidungsträgerin.

In den letzten Jahren wurden Fälle von Machtmissbrauch an Theatern, Übergriffen oder Rassismus verstärkt diskutiert. Sind sie Zeichen eines strukturellen Problems?
Anne Schuester: Solche Entgleisungen passieren überall – nicht nur im Theaterbetrieb. Sie kommen in jeder Struktur vor. Eine hierarchische Struktur fördert bzw. vereinfacht aber jene Machtmissbräuche.

Beim Sensemble Theater ist aber alles o.k.?
Anne Schuester:  Wie bereits gesagt, das gesamte Sensemble-Projekt lebt davon, dass man sich offen austauscht. Unsere Strukturen sind transparent und unser Ziel ist eine offene Kommunikation: Probleme werden genannt und besprochen.

Sebastian Seidel: In künstlerischen Prozessen sind wir ein Zusammenschluss von freien Künstler*innen. Es gibt keine Hierarchie. In
der Verwaltung des Theaters ist das natürlich etwas anders, da müssen Entscheidungen getroffen werden.

Diskutiert ihr darüber mit anderen freien Theatern oder dem Staatstheater?
Sebastian Seidel: Im Verband der freien Theater, die alle unterschiedliche Strukturen haben, ist das ein großes Thema. Auch mit Schauspieler*innen und Regisseur*innen der anderen Institutionen reden wir darüber. Die Kunstschaffenden tragen die Ideen aus den freien Theatern, die in dieser Hinsicht schon weiter sind, mit in die städtischen und staatlichen Häuser. Es findet also schon eine Art von  Austausch statt. Die städtischen und staatlichen Theater können sich diesem Gesamtprozess auch nicht mehr verschließen. Einen offiziellen Austausch gibt es aber nicht.

Gäbe es denn Bedarf an einer offiziellen Diskussion?
Sebastian Seidel: Grundsätzlich ja, aber das wird nicht von uns ausgehen. Die städtischen und staatlichen Theater müssen das selbst regeln. Wir müssen den anderen Institutionen nicht vorschreiben, wie sie zu arbeiten haben. Diskussionsrunden wären gut dazu, aber wir werden jetzt nicht – beispielsweise mit Herrn Bücker – hinter verschlossenen Türen diskutieren, wie er diese Themen zu behandeln hat.

Warum tun sich gerade auch Kultureinrichtungen so schwer, das Thema transparent zu behandeln?
Anne Schuester:  Es fällt mehr auf, weil sie eine Öffentlichkeit schaffen. Zudem werden auf der einen Seite progressive Themen auf der Bühne verhandelt, auf der anderen Seite leben sie dann aber im Theateralltag das Gegenteil. Diese Diskrepanz fällt dann auf.

Sebastian Seidel: Natürlich ist es aber so, dass die Theater gar nichts gegen diese Strukturen machen können. Sie haben Verträge mit der Stadt und/oder dem Staat. Die Kulturverwaltungen müssen das wollen und müssten sich dafür entscheiden, an den Strukturen etwas zu ändern. Für das Brechtfestival darf man sich beispielsweise nun auch als Kollektiv bewerben.

Gibt es Hürden, Schwierigkeiten, Probleme, die mit flachen Machtstrukturen einhergehen?
Anne Schuester:  Viele Prozesse dauern natürlich länger, wenn man sich untereinander abspricht. Auf lange Sicht zahlt sich das aber aus, denn letztlich trägt jeder die Entscheidung mit.

Wie viel Demokratie verträgt der Theaterbetrieb?
Anne Schuester:  Er verträgt viel Demokratie. Eventuell ist es aber eher eine repräsentative als eine direkte Demokratie. Letztlich ist es so, dass bestimmte Entscheidungen getroffen werden müssen, die nicht immer vom gesamten Kollektiv zu tragen sind. Aber gemeinsam über Entscheidungen zu debattieren, alle zu involvieren und letztendlich einen gemeinsamen Nenner finden – das geht. Die Frage ist natürlich auch, wie groß ein Haus ist. An einem kleinen Haus, wie wir es sind, geht das natürlich sehr gut.

www.sensemble.de

Wie keine anderen Kulturorte stehen die Theater im Fokus der Diskussion um Machtmissbrauch und Hierarchiestrukturen. Zum Startbeitrag der neuen a3kultur-Reihe

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