Il video di Tito
Applaus und Buhrufe: Im Staatstheater Augsburg ist Wojtek Klemms erste Arbeit im Musiktheater zu sehen.
Wir reisen in das alte Rom, die Zeiten sind unruhig, aufgeladen und voller Machtgier, Intrigen und Verschwörungen. Vitellia möchte endlich an die Macht, auf den Thron, an der Seite des Kaisers Tito oder anstelle seiner regieren. Tito entscheidet sich jedoch für eine andere Braut, also kommt nur Option zwei in Frage. Selbst will sie keine Hand an den Kaiser legen, sondern betört den beeinflussbaren Sesto, engster Vertrauter von Tito, aber unsterblich in Vitellia verliebt. Letztlich wird Sesto zum Attentäter und versucht den Kaiser zu töten. Der zeigt sich aber hartnäckiger als gedacht und überlebt den Mordanschlag unbeschadet. Nun steht Tito aber vor einer weiteren Misere, wie mit dem Attentäter umgehen, der doch ein enger Vertrauter und Freund war. Wird er Milde walten lassen, so wie es der Titel der Oper verspricht?
Mozart komponierte seine Oper »La clemenza di Tito« anlässlich der Krönung Kaiser Leopolds II. zum König von Böhmen am 6. September 1791 in Prag. Lange zuvor existierte aber bereits der Mythos vom gütigen Herrscher Titus Flavius Vespasianus, römischer Kaiser von 79 bis 81 n. Chr.. Die Legende des selbstbeherrschenden, gnädigen und gerechten Titus basierte vor allem auf den Schriften des römischen Gelehrten Sueton. 50 Jahre nach Titus Tod erschafft der Gelehrte den Mythos, der sich die nächsten Jahrhunderte verfestigen wird. Wie schon vermutet, zeigt sich letztlich, dass dem nicht so war. Das Volk zeigte sich weitaus zurückhaltender dem angehenden römischen Kaiser gegenüber als die Legende besagt. Vielmehr wurde Titus gefürchtet, als verschwenderisch und grausam angesehen. Erst als Titus den Thron bestieg, änderte sich die Wahrnehmung. Letztlich regierte der Kaiser nur sehr kurz und so blieb kaum Zeit seinen Regierungsstil genauer beurteilen zu können. Dennoch lebt der Mythos weiter, auch auf den Bühnen der Theater.
Musikalisch war die Premiere mit den Augsburger Philharmonikern unter der Leitung von GMD Domonkos Héja und den facettenreichen Sänger*innen-Ensemble wieder einmal ein Genuss. Dafür erhielten die Akteur*innen verdient starken Applaus. Allein das Regieteam wurde von vielen ausgebuht.
Klemm fokussiert sich in seiner Inszenierung vor allem auf Videoinstallationen, die auf bewegliche Bühnenwände projiziert werden. In den Filmen sieht man ein Fressgelage, das Zerteilen von Fleisch oder auch die Sänger*innen in Bewegung – verdoppelt, in Slow Motion, vergrößert, verzerrt. Das lenkte zum Teil stark vom Geschehen auf der Bühne ab, machte es aber vor allem auch mit dem Licht sehr schwer. Die Sänger*innen standen des Öfteren im Dunkeln und die an den Wänden angebrachten LED-Lichter strahlten derart ins Publikum, dass der anschließende Blick auf die Übertitel zwecklos war. Für die Arbeit mit dem Ensemble blieb offenbar wenig Zeit, um ihnen Spielanweisungen mit an die Hand zu geben. Sehr oft wirkte das Dargestellte auf der Bühne statisch. Der Fokus lag leider zu stark auf dem digitalen Erlebnis und zu wenig auf den Figuren, den Menschen.
Dass nicht jeder ein Fan von Videoinstallationen ist, zeigt a3kultur-Autorin Renate Baumiller-Guggenberger in Ihrem Kommentar »Bitte endlich Schluss mit Videotheater!«: https://a3kultur.de/positionen/bitte-endlich-schluss-videotheater