Gefühlvolles Miteinander auf kleinstem Raum
Gelungene Premiere des Kammerballettabends auf der Brechtbühne im Gaswerk.
Nach diversen Ab-und Neuzugängen präsentiert sich die Company jetzt wieder stark und homogen, präzise einstudiert und mit auffallender solistischer Präsenz. Mit ein Grund, warum der aktuelle Kammerballettabend auf der Brechtbühne das Publikum überzeugte und mit langem Beifall gewürdigt wurde. Patrick Delcroix (»bel inconnu«) und Mauro Astolfi (»Poco«) stellten in ihren für Augsburg geschaffenen Neukreationen zwei choreografischen Visionen zur aktuellen Lebensrealität, zum Umgang miteinander und einem möglichen Ausgang aus social distanzing und anderen bedrückenden Verhältnissen zur Ansicht.
Wesentliche Impulse in beiden Kreationen setzte die Hoffnung an die Anpassungsfähigkeit in einer Welt, in der Weniger (=ital. Poco) plötzlich mehr ist, in der ein respektvoller Umgang mit (s)einem Gegenüber den Blick auf das schöne Unbekannte (= franz.: bel incconu) öffnet, der zukünftig bislang Unvorstellbares möglich scheinen lässt. Patrick Delcroix, dessen fließend-dynamische choreografische Handschrift nicht zuletzt durch die Zusammenarbeit mit Forsythe, Mats Ek und Kylián inspiriert wurde, startete mit einer Art Lichtinstallation in den Kammertanzabend. Die nur wenige Zentimeter über der Tanzfläche platzierte Beleuchtungs-Apparatur vereinnahmte den Bühnenraum, gab erst mit der Fahrt in die Höhe den Platz frei für den Auftritt der involvierten 14 Tänzer*Innen: Aus dem Dunklen ins Licht! In Gruppen betraten die Frauen und Männer den leeren Raum, schrien sich erst einmal alles Angestaute aus dem Leib. So wurde Energie freigesetzt, um die tänzerischen Dialoge in die Bahnen zu lenken, um sich auf die intensive Wahrnehmung des Anderen einzulassen. Mini-Zäsuren unterbrachen den organischen Flow der Kontaktaufnahme, bei der um Balance und die Behauptung der jeweiligen Position gerungen wurde. Vehement, aber nie aggressiv überprüften die Tänzer*innen in teils akrobatisch anmutenden Duett- und Trio-Sequenzen die Tragfähigkeit dieser »Partnerschaften«, bauten Nähe auf, boten Schutz, schnürten aber auch ein, klammerten, trennten sich, ließen dann doch los – raffiniertes tänzerisches Partnering in Bestform. Delcroix zählt sich zu den Choreografen, die in ihren abstrakten Arbeiten bewusst dem Publikum die Deutungshoheit und damit wohl auch manches Rätsel überlassen, die gekonnt Atmosphäre schaffen, die emotionale Ausdruckskraft der Musik mit leicht verständlichen choreografischen Mitteln kombinieren, um zu berühren.
Ganz andere, in durchaus witzigen Momenten auch ins leicht Absurde gleitende Mittel nutzte Mauro Astolfi. Gemeinsam mit seinen Tänzer*innen bewies er in »Poco« Sinn für Originalität sowie eine nebulös werkprägende Soundkulisse (Gdansk Jacaszek), zeigte prologartig schon einen Mann, der seiner Stabilität beraubt, wie eine Marionette in sich zusammenfällt. Das war tänzerisch genial umgesetzt! Konsequent und detailreich transportierte Astolfi dann sein Interesse an Menschen, die sich neue Räume schaffen, um dem Ungewohnten zu trotzen. Die trotz Isolation und gnadenloser Enge aufbrechen, kraftvoll gegen Wände anrennen, die kreativ genug sind, »kleinere« Alternativen im Weniger zu finden. Visuell dominant dienten zwei fahrbare »Beton-Bauten« im Boxenformat, in deren kaltem Neonlicht sich u.a. Giovanni Napoli und Stockbett-Genosse Cosmo Sancilio austobten, in denen Jayson Syrett und Ria Girard im atemberaubenden Couchduell übereinander herfielen, als Metaphern für die gefängnisartige Ausnahme-Situation. Hier werden die gewohnten Regeln des zivilen Zusammenseins in Frage gestellt sind, ist Kontrolle angesagt! Mit der gebotenen Vorsicht setzten sich am Ende die Menschen wieder gemeinsam an den herrlich (zu) kleinen Kinder-Tisch, der so lange Zeit auf seine Wiederbenutzung warten musste.
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