Alle sind schuldig
Das Sensemble Theater startet furios in das Wahljahr 2024.
Der Spitzenkandidat seiner Partei Braubach (Raschid Daniel Sidgi) hat bei einem Autounfall einen jungen Mann schwer verletzt. Die Schuldfrage ist unklar. War der Fahrer zu schnell, war er abgelenkt oder hatte er gar keine Chance als ihm der suchtkranke Mann vor das Auto lief? Der Politiker leistete erste Hilfe. Er scheint mit weißer Weste aus der Sache zu kommen. Der überforderten Mutter Nele (Marina Lötschert) bietet er Hilfe an. Meint er es ehrlich oder manipuliert er Nele, um den Unfall aus seinem Wahlkampf herauszuhalten?
Ihr Neffe Jerome (Julian Baschab) ist von Braubachs Schuld überzeugt. Er ist ein ebenso verzweifelter wie zorniger junger Mann. Als Paketbote wird er vom kapitalistischen System ausgebeutet. Er lebt in einer digitalen Blase, die sein Denken und Handeln bestimmt. Nach diesem Vorfall wittert er nun seine Chance, mit einem »von da oben« abzurechnen. Jerome und Braubach treffen in Neles Wohnung aufeinander …
Das Kammerspiel brennt mit seinen großartigen Texten die Wunden eines jeden in das Fleisch des Anderen. Um diese Intensität über die angesetzten 90 Minuten zu halten, braucht die Geschichte starke Schauspieler*innen. Die hat Regisseur Marco Milling. Und er weiß sie einzusetzen, ebenso wie seine perfekt funktionierenden Video- und Soundsequenzen, mit denen er es schafft, auf seiner Bühne die Tür in die digitalen Unterwelten einzutreten.
Der Rest dieses großartigen Theaterspiels ist die Chemie zwischen Lötschert, Baschab und Sidgi. Sie reagieren aufeinander und schenken sich nichts. Der Showdown zwischen Politiker und Ausfahrer ist genial. Milling schafft »Furor«, so der Titel des Stücks, ohne erhobenen Zeigefinger oder drohende Faust. Alle sind schuldig. Alle sind hilflos. Und alle haben sich den langen Applaus verdient.
Fazit: Absolut sehenswert!
Weitere Termine: 19., 20., 26., 27. April sowie 3., 4., 10., 11., 17. und 18. Mai
Am Freitag, 19. April bietet der Sensemble Freundeskreis die Gelegenheit zum Gespräch mit den Darstellenden und Theaterleiter Sebastian Seidel.
Am Samstag, 11. Mai findet im Rahmen der Aufführung ein Publikumsgespräch statt, am Samstag, 18. Mai schließt sich eine Diskussionsrunde an, u.a. mit Politiker*innen aus dem Augsburger Stadtrat. Das Motto des Abends: »Zwischen Realpolitik und Filterblase«