Big Brother is watching you
In der Brechtbühne wurde die Premiere von »Ein Haus auf Monkey Island« gefeiert. Die Inszenierung amüsiert, gibt keine Antworten, ist laut.
Wie ein riesiger Flachbildschirm oder eine Kinoleinwand mutet das Bühnenbild vor der Zuschauertribüne im Gaswerk an (Bühne: Katharina Schmidt, Claudia Karpfinger). Die Bühne nicht wie üblich versunken, sondern auf Augenhöhe – zumindest in den vorderen Reihen. So entsteht ein spannender Guckkasten, durch den man die Schauspieler*innen in ihrem beige/weißen Wohnzimmer im luxuriösen und modernen Strandhaus auf »Monkey Island« beobachten kann.
Vier Wissenschaftler*innen wurden von einem Unternehmen, das In-Vitro-Fleisch produziert und an den Mann bzw. an die Frau bringen will, an einen abgeschotteten Ort gebracht, um dort eine Marketingstrategie für das neuartige Produkt zu entwickeln. Schnell wird deutlich, wie unterschiedlich die vier Charaktere und ihre Herangehensweisen sind. Da ist der auf maximale körperliche Optimierung getrimmte Neuro-Ökonom Andree (Florian Gerteis), der recht entspannte Soziologe Hannes (Andrej Kaminsky), die beobachtende Psychologin Kristina (Mirjana Milosavljević) und der zielorientierte Hirnforscher Tim (Paul Langemann).
Im ersten Teil des Stücks befassen sich die Drei noch mit dem Grund ihrer Reise: das erfolgreiche Vermarkten des tierleidfreien Fleisches. Dabei pfeffern sich die Vier nur so die ethischen Fragen und aggressiven Werbestrategien um die Ohren. Dabei steigt der Lärmpegel innerhalb kürzester Zeit und wird sekündlich lauter. Die Textzeilen werden zu Geschossen, die von den Darsteller*innen laut und energisch abgefeuert werden. Das ist zum Teil lustig, aber auch anstrengend – für die auf der Bühne, als auch für die davor. Vor lauter Geschrei geht die streckenweise interessante Debatte unter. Einzig Hannes möchte mit leiseren Tönen überzeugen, die aber in dem Gebrüll untergehen.
Doch plötzlich verändert sich die Stimmung, der Fokus richtet sich fort vom eigentlichen Ziel der Reise. Die Zuschauer*innen sind live dabei, ähnlich wie bei »Big Brother« oder anderen Reality-TV-Formaten, können sie miterleben, wie sich Menschen unter extremen Bedingungen verändern. Die zuvor aufgebaute Fassade bröckelt.
Den Forscher*innen wird es in ihrem modernen Haus am Strand mulmig, denn ihnen fällt auf, wie das Haus sie und alte Verhaltensweisen triggert. Die Dynamik ändert sich, das Misstrauen wird größer. Da steht der Lieblingswein und die Lieblingschips in der Küche, auf dem Pornokanal ist nur noch der Lieblingstyp Frau zu sehen, im Schlafzimmer läuft die Lieblingsmusik und nur einer hat ein Wasserbett – der, der es schon immer mal haben wollte. Das Haus scheint vieles zu wissen, dass es nicht wissen sollte. Die Wissenschaftler*innen sind nun selbst zu Laborratten geworden.
In Zeiten von Alexa, Social Media, Smart Home und Punktebonuskarten, in denen Algorithmen mehr Einfluss auf unsere Entscheidungen haben, als wir selbst, schrieb Rebekka Kricheldorf dieses Stück. Ein Stück zur richtigen Zeit. Wer aber Antworten sucht, wird enttäuscht werden. Regisseur Lukas Joshua Baueregger wird letztlich etwas deutlicher: Augen zu, Ohren zu, Mund zu. Wie die drei Affen es vormachen. Der Abend amüsiert, es ist schließlich vor allem eine Komödie und weniger eine Gesellschaftskritik.