Im ausverkauften Rokoko-Festsaal des Schaezlerpalais widmeten sich vier Fortepiano-Koryphäen an ebenso vielen kostbaren Originalinstrumenten aus Augsburg, Regensburg und zwei Londoner Werkstätten der hohen Kunst des zwei- bis fünfhändigen Sonatenspiels. Nicht zuletzt die im späten 18. Jh. gebauten Augsburger Instrumente von Johann Andreas Stein waren dank innovativer Mechanik in ganz Europa rege nachgefragt und erfüllten höchste Qualitätsansprüche.
BRAVISSIMO! THANK YOU und DA CAPO!
Mit voller Wucht eingelöst hat das Mozartfest Augsburg sein Credo, dass spannende Musik durch spannende Persönlichkeiten entsteht.
Auf Weltklasseniveau präsentierte es mit der italienischen Barocksängerin Roberta Mameli und der Bayerischen Kammerphilharmonie, mit der englischen Sängerlegende Ian Bostridge und dem OBERON TRIO sowie dem »Freistil«-Abend (Sarah Christian, Maximilian Hornung & Friends) drei herausragende Klassikabende. Mit dem Kleinen Goldenen Saal stand den Interpret*innen zudem der optimale akustische Rahmen zur Verfügung. Kein Wunder, dass sich die beglückten Hörer*innen für diese vokalen und kammermusikalischen Sternstunden, die als »überirdisch« in die Annalen des Mozartfests eingehen dürften, jeweils mit lautem Jubel und Standing Ovation bedankten.
Welche eindrucksvolle Persönlichkeit die in Rom geborene Sopranistin Roberta Mameli ist, vermittelte vorab schon das in Mailand fürs Mozartfest gedrehte filmische Portrait. Wie es sich dann live anhört, wenn man es wie sie als »zweite Haut empfindet, Mozart zu singen«, machte die charismatische Barocksängerin im Bella Italia-Konzert deutlich. Als selbstbewusste, risikobereite und stimmlich höchst souveräne Interpretin intensivierte sie Mozarts so facettenreich in Musik übersetzte Empfindungsskala in jedem Moment. Gänsehaut gab es schon bei der für Sopran, Klavier und Orchester geschriebenen »Ch’oi mi scordi di te« (KV 505)-Arie, offene Münder (hinter den Masken) für die ausgefeilten, hochdramatischen Volten, mit der sie später im Rezitativ und der Arie KV 272 oder auch der »Misera dove, son!«-Arie mit delikater Feinzeichnung nachlegte. Scheinbar mühelos meisterte, ja spielte sie mit den höchste Anforderungen stellenden Koloraturpassagen, schmiss sich mit der lauernd-angespannten Eleganz eines hungrigen Raubtiers an den imaginären Arien-»Adressaten«, der die mimisch, bzw. körperlich verstärkte Empörung, das Seelenleid oder die verzehrende Sehnsucht verursachte. Kaum vorstellbar, wie man Mamelis explosiver vokaler Power, ihrer femininen »Urgewalt« überhaupt Paroli bieten kann! Keine Furcht, vielmehr große, mit tänzerischem Elan versehene Spielfreude darüber, diese Spitzensängerin zu begleiten, hatten die 25 Musiker der Bayerischen Kammerphilharmonie unter der beflügelnden Leitung von Gabriel Adorján. Und auch ganz »alleine« rundeten sie u.a. mit Mozarts nicht nur formal italienisch inspirierter Es-Dur-Sinfonie KV 543 diesen sensationellen Abend orchestral ab.
Gleicherweise begnadet, wie Roberta Mameli ihren betörenden Wohlklang mit dramatischer Expressivität vereinte, bezauberte Ian Bostridge als virtuoser und kontrastreicher Lied-Sänger, dessen natürliche Bühnenpräsenz die Hörer von der ersten Sekunde an fesselte. Er schien zwar durchaus »britisch-relaxed«, schaltete dann aber flugs und gepaart mit entsprechender Mimik und Gestik in den sängerischen Hochspannungsmodus um. So öffnete er am Sonntagnachmittag gemeinsam mit dem exquisiten Oberon-Trio lustvoll und voller tenoralem Esprit die gut gefüllte Schatztruhe, in der sich die feinsinnig vertonten englischen, irischen, walisischen oder schottischen Volksliedbearbeitungen aus der Feder von Haydn und Beethoven befanden. Als Interpret schöpfte er aus dem Vollen seiner weitreichenden Solistenkarriere, versenkte sich tief in die Atmosphäre der Traditionals und versäumte dabei nicht, seine angenehm klingende lyrische Seite erstrahlen zu lassen. Das Oberon-Trio spielte ihm als verlässliche Begleitung auf höchstem Niveau zu und zeigte nicht zuletzt in Beethovens »Gassenhauser« – dem Trio B-Dur op.11, dass es sich auch eigenständig dank technischer Brillanz, transparenter Klangformung und präzis-sensiblem Zusammenspiel bestens behaupten kann.
Und dann gibt es ja auch noch das aus Augsburg stammende Musikerpaar, das als feste Größe und mit kreativen Programmen abseits der Mozart-Schiene in traditionsreicher FREISTIL-Manier antritt, um die Klassik zu rocken. Für den ersten ihrer beiden Kammermusikabende hatten Sarah Christian und Maximilian Hornung den Geiger Johannes Strake, den Bratschisten Nils Mönkemeyer und die Pianistin Hisako Kawamura nach Augsburg eingeladen, um über die mitreißenden Klavier-Quintette von Dworák (A-Dur op.81, 1887 komponiert) und Bartok (1904 uraufgeführt) die Originalität und das kompositorisches Gewicht zweier Vertreter des östlichen Europas ins Licht zu stellen. Hier wie dort zündete das »Ensemble auf Zeit« ein atemberaubendes Feuerwerk ab, nicht selten dank der Raketen, die die Pianistin tonangebend in die Höhe schoss. Dank eines ebenso mitatmenden wie sich gegenseitig ansteckenden Zusammenspiels übertrag es den »Furor«, den die überbordende Themenfülle sowie die abrupten Rhythmus-und Tempiwechsel evozierten, unmittelbar auf die Hörer*innen. Man fieberte mit in den Tanzsätzen, tauchte tief ein in die Melancholie und den Melodienreichtum ein, den die beiden in spätromantischer Anmutung geschriebenen Meisterwerke der Kammermusik verströmten, deren Schöpfer sich auf so kluge Art mit dem Erbe der jeweiligen Volksmusik beschäftigt hatten. Tosender Beifall für ein derart konstantes »Molto Vivace«!