Carmen in der Vorstadthölle
Das Staatstheater eröffnet die Opernsaison mit »Carmen«. Aileen Schneider entstaubt Georges Bizets Werk, versetzt die Handlung in eine graue Reihenhaussiedlung einer patriarchalen Gesellschaft und macht Carmen zur feministischen Kämpferin – umgeben von sexualisierter Gewalt.
Graues Häuschen an graues Häuschen reiht sich auf der Bühne des Martini-Parks. Grau wirkt die ganze Szenerie – trist und bedrohlich. Aus den Häusern treten die Sänger*innen des Opernchors hervor, alle gleich gekleidet in graue Hosen und Jacken (Bühne und Kostüme: Jan Hendrik Neidert und Lorena Díaz Stephens). Sie ziehen Schlagstöcke, um ihre Wehrhaftigkeit zu demonstrieren, denn sie sind eine Bürgerwehr. Wem sie Sicherheit garantieren wollen, bleibt unklar. Für die Frauen sind sie eine Gefahr.
Als Micaëla (Jihyun Cecilia Lee) auftritt, bedrängen sie sie und flößen ihr Angst ein. Die Männer genießen es sichtlich, ihre Macht über sie zu demonstrieren. Micaëla – Inbegriff einer »Tradwife« in beige-weißem, hochgeschlossenem Kleid mit langem Rock – zieht sich rasch zurück.
Schließlich strömen die Arbeiterinnen der Zigarrenfabrik für ihre Pause auf den Platz zwischen den Häusern. Im Gegensatz zu den Männern sind sie müde und ausgelaugt von der Arbeit. Sie lassen sich erschöpft nieder und werden von den herumstehenden Männern mit begehrlichen Blicken beobachtet. Bei Blicken und Worten bleibt es jedoch nicht – im Trubel sieht man auch eine Vergewaltigung.
Als Carmen – wunderbar verkörpert und gesungen von Natalya Boeva – selbstbewusst und frei in ihrer Sinnlichkeit auftritt, verdreht sie dem manchmal etwas trottelig wirkenden Don José (Xavier Moreno) den Kopf. Statt sie klischeehaft als Männertraum im spanischen Folklorekleid zu inszenieren, zeigt Augsburg eine modern gekleidete Carmen in Lederleggings, schwarzen Plateauschuhen und asymmetrischer schwarz-blonder Frisur.
Gemeinsam stehen Carmen und Don José im Zuschauerraum, ganz nah am Publikum, als sie ihm eine gemeinsame Nacht verspricht, wenn er ihr hilft, einer Strafe zu entkommen. So kommt sie frei, und er muss für kurze Zeit in Haft. Schließlich taucht Escamillo (Shin Yeo) auf der Bildfläche auf – als glitzernd-bunter Schlagerstar, der alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die Szene erinnert an einen Karaokeabend mit Starbesetzung, doch auch Escamillo ist mehr Schein als Sein. Carmen und Escamillo bandeln miteinander an. Aus Eifersucht entbrennt ein Streit zwischen Carmen und Don José.
Schneider reproduziert in ihrer Inszenierung die misogyne Erzählweise nicht, sondern zeigt eine patriarchale Gesellschaft von heute, die ihre eigenen Frauen schützen will – vor den »anderen« –, solange sich diese an die von den Männern aufgestellten Spielregeln halten. Dabei stellen diese Männer selbst die größte Gefahr dar. In jedem Reihenhaus hängt ein Gewehr wie ein Damoklesschwert über den Bewohner*innen und symbolisiert die reale Bedrohung für Frauen im eigenen Haushalt – und nicht, wie so oft suggeriert, durch den Fremden auf der Straße.
Schneiders feministische Inszenierung zeigt deutlich: Ob brav wie Micaëla oder widerspenstig wie Carmen – letztlich kann jede Frau zum Opfer werden. Sie legt den Finger in die Wunde und fokussiert sich auf das Thema der sexualisierten Gewalt und den Femizid. Weil Carmen sich in einen anderen Mann verliebt und Don José zurückweist, muss sie in den Augen des in seinem Ego gekränkten Mannes sterben.
So bricht er scheinbar schwer getroffen über ihrer Leiche zusammen und singt: »Sie können mich verhaften!« Doch im letzten Moment, als sich der Vorhang schließt, lässt Schneider Don José hämisch ins Publikum lachen – stellvertretend für so viele andere Männer. Denn in Deutschland wird alle vier Minuten eine Frau Opfer häuslicher Gewalt, und jeden zweiten Tag stirbt eine Frau durch die Hand ihres (Ex-)Partners.
Das Publikum quittiert die Inszenierung und die Leistung des Ensembles sowie der Augsburger Philharmoniker unter der Leitung von Domonkos Héja – auch musikalisch ist diese Oper ein absoluter Hochgenuss – mit großem Beifall.
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Tipp: Im Anschluss an die nächste Vorstellung am Sonntag, 2. November findet ein Publikumsgespräch mit der Initiative »Femizide stoppen Augsburg« und Regisseurin Aileen Schneider statt.
Alle Termine unter www.staatstheater-augsburg.de