Creating digital Mary Shelley
Das Staatstheater Augsburg zeigt »Frankenstein« auf der Brechtbühne, und a3kultur-Autorin Iris Schmidt vergaß alle Warnungen.
Das Stück beginnt mit einer Warnung: Gerald Fiedler in edlem Frack und vor samtenen Vorhängen, die von den beiden Stage Hands klamaukig getragen werden, warnt uns eindringlich vor dem Grauen, das uns nun bevorsteht – empfohlen ab 16 Jahren! Nach dieser Eröffnung erwarte ich nun Grusel gepaart mit ein bisschen Humor. Doch was ich bekomme ist noch viel mehr: Musik, Gesang, Tanz – gerade im ersten Teil fühlt man sich wie in Frankenstein, das Musical. Das ist cool und macht Spaß, aber trägt leider nicht über den mit insgesamt 2 Stunden und 40 Minuten etwas zu lang geratenen Abend.
Regisseur Jan Langenheim und Dramaturgin Melanie Pollmann schrieben für die Inszenierung von Mary Shelleys »Frankenstein« eine Stückfassung, die in Teilen dem Inhalt der Romanvorlage folgt und mit vielen Elementen seiner Entstehungsgeschichte rund um die Verfasserin gespickt ist: Wir schreiben das Jahr 1816, das in die Geschichte als »das Jahr ohne Sommer« einging, denn ein verheerender Vulkanausbruch in Indonesien hatte seine Auswirkungen auf den gesamten Erdball erstreckt.
Und eben dieses Jahr spiegelt sich auch mit Dunkelheit, Donner und Blitz auf der Brechtbühne im Ofenhaus wider, wo sich Mary, ihr Partner Percy Shelley, ihre Halbschwester Claire, der exzentrische Lord Byron und sein Leibarzt John Polidori in einer Villa am Genfer See treffen, sich im Rausch den Drogen, der freien Liebe und einem Schauerroman-Schreibwettbewerb hingeben. Der blutjungen Mary gelingt dabei als einzige ein Meisterwerk, das die Zeit überdauern wird – 1818 veröffentlicht sie »Frankenstein« oder »Der moderne Prometheus«. Menschliche Allmachtsphantasien, gottgleich Leben zu erschaffen, was Langenheim in seiner Inszenierung durch die Einbindung der Künstlichen Intelligenz thematisiert (wird auch die KI zu einer Kreatur, die für ihre Schöpfer*innen zur Gefahr werden kann?), wissenschaftliche Hybris und die damit verbundene Frage, ob alles, was möglich ist, auch durchgeführt werden sollte, seelische Einsamkeit und die komplizierte Einteilung in Gut und Böse sind nur einige der existenziellen Themen in dieser modernen Prometheusstory – der antike klaute den Göttern das Feuer und brachte es den Menschen.
Thies Mynther schafft mit seinem Sounddesign und den KI-Videos eine wunderschön beklemmende und übermannende Atmosphäre im Raum, die sich herrlich mit dem Bühnenbild von Anja Jungheinrich und dem Lichtdesign von Moritz Fettinger ergänzt. Egal ob Feuersbrunst, Sturmgewitter, Opium-Rausch, Totentanz oder Eisberge, im Bühnenlabor wird alles zum Leben erweckt und zieht die Zuschauer*innen in seinen Bann. Auch die fünf Schauspielenden, allen voran Mirjana Milosavljevic als Kreatur und Mary Shelley, die alle mehrere Rollen besetzen, reihen sich elegant in die Szenerie ein und es entstehen großartige Szenenbilder, wie z.B. das Schattenspiel von Schöpfer und Kreatur.
Doch es reihen sich schlicht zu viele Ideen und Interpretationsansätze aneinander, die sich teilweise im Klamauk verlieren, und auch das Textkonstrukt aus Romanvorlage und Entstehungshistorie ist zu oberflächlich gebaut als dass es über den ganzen Abend halten kann. Das Motto »Weniger ist mehr« hätte der Emotionalität, dem Tiefgang des Stückes und auch dem Grusel gutgetan. Denn die Warnung am Anfang hatte man am Ende schon vergessen.