Theater & Bühne

Da steht die Zeit still

a3kultur-Redaktion

Das Staatstheater zeigt »Alice im Wunderland« als Familienstück zur Weihnachtszeit. Nur für Kinder? Weit gefehlt.

Die elfjährige Alice macht ein Picknick, als sie plötzlich ein weißes Kaninchen sieht und ihm hinterherläuft. Sie fällt in seinen Kaninchenbau und befindet sich plötzlich in einer anderen Welt, in einem Wunderland. Die Picknickdecke und alles, was zuvor auf ihr lag, sind auf einmal riesig groß und Alice scheinbar geschrumpft. In dieser Welt trifft Alice fantastische Wesen wie die Grinsekatze, Humpty Dumpty, die Haselmaus, Tweedledee und Tweedledum (in Augsburg Dings und Bums) oder auch die Herzkönigin und ihre Untertanen.

Die Augsburger Inszenierung von Yvonne Kespohl hält sich mit lauten, knalligen Effekten zurück, gesungene Musiknummern gibt es kaum, das Bühnenbild wartet mit keinen Special Effects auf – das macht aber rein gar nichts, im Gegenteil. Die Ensembleleistung ist allein so wunderbar, dass man es einfach nicht vermisst und nicht braucht. Nur fünf Schauspieler*innen sind auf der Bühne, schlüpfen in die verschiedenen Rollen und verleihen jeder davon ihren eigenen Charme und Witz. Zuckersüß, urkomisch und charmant ist jedes Wesen einfach zum Verlieben.

Neben der tollen Schauspielleistung vereinnahmte eine*n die wunderbare Musik, die extra für die Augsburger Inszenierung zusammengestellt und zum Teil eigens dafür von Lukas Brehm und Jonas Pentzek komponiert wurde. Die Musiker kennt man sonst von der Band Fibel. Modern und jung, könnten die Songs aus dem Wunderland auch im City Café oder im Lamm laufen.

Nur für Kinder? Auf keinen Fall. Im Stück wird auch mit aktuellen, politischen Anspielungen um sich geworfen, dass bei der ersten öffentlichen Vorstellung (die Premiere fand vor Schulklassen zwei Tage zuvor statt) vor allem das Lachen der erwachsenen Begleitpersonen zu hören war. Da rollt die Herzkönigin mit ihrem kleinen, fahrbaren Untersatz wie ein Gangster auf die Bühne und erklärt Alice schließlich voller Stolz: »Das war ein Geschenk meines Freundes Elon.« Später berichtet sie noch, dass sie Donald köpfte. Ups! Das Publikum applaudierte ganz nach dem Motto »Sorry, not sorry«.

»Die Zeit anhalten, immer wenn’s am schönsten ist«, erklärt das Kaninchen am Schluss des Stücks, das hätte man auch gerne bei dieser Inszenierung von »Alice im Wunderland«. Tipp: Hingehen und sich für 70 Minuten einfach mal in ein Wunderland entführen lassen und dabei viel und herzhaft lachen, als würde tatsächlich die Zeit stillstehen.