Elegant ungemütlich
Be(d)rückende Premiere im Martini-Park: Die Brecht-Weill’sche Oper »Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny« startete Ende Januar.
Mafiathriller, Armageddon, antikapitalistisches Passionsspiel: Alles scheint engmaschig verstrickt in der »Stadt der Netze«, multimedial inszeniert von Gastregisseur Jochen Bianzoli. Brecht möglichst moralfrei zu präsentieren, lautete sein ehrgeiziges, kaum erreichbares Ziel.
Zwischen düsterem Roadmovie und Slapstick startet der Abend, unverkennbar daheim in Augsburg. Beim Grenzgang von ausgefeilter Live-Projektion zu realer Konfrontation platzt das Ganoventrio Fatty (Haozhou Hu), Dreieinigkeitsmoses (Shin Yeo) und Witwe Begbick (Kate Allen) hinterrücks ins Publikum. Eine Mahnung an die Uraufführung 1930, abgebrochen nach massiver Störung durch Braun(»Mahagoni«-)hemden?
Über zweieinhalb Stunden bleibt man hier ausgeliefert – von Mitwirkenden umstellt, unterwandert, direkt angesprochen. Unter grellem Schlag- und Discolichtgewitter boomt ein synthetisches Schlaraffenland, wo Geld sinnlich macht, dabei stets Recht behält. Hier speist sich radikaler Hedonismus aus voyeuristischen Momenten wie dem »Big Brother«-Blick auf Sally du Randt in der Maske, bei ihrer Wandlung zur kühl-dominanten Jenny.
Dann sprengt eine Warnmeldung den goldglitzernden, whiskytrunkenen Reigen unterm »Schönen grünen Mond von Alabama«. Selbst in der Pause sind alle Anwesenden aufgerufen, wachsam zu bleiben – und sich anschließend mit den Akteur*innen zu solidarisieren, als raumfüllende, lebende Skulptur, bald erneut gefährdet.
Unter den Sitzen aufsteigende Rauchschwaden umhüllen Jimmy (Mirko Roschkowski), Heiland und Hanswurst zugleich, auf seinem Highway ins Verderben. Übergroß, unentrinnbar fordern Fressen, Liebesakt, Boxen, Rausch ihren Tribut – sichtbar in mannshohen, belebten Lettern, wuchtig transzendiert durch Chor und Orchester, im gefühlten freien Fall endend.
Wo Geld mehr zählt als Leben, ziehen sich Angstmomente qualvoll hin, ertappt man sich als Opfer alter Hypnosetricks –etwa beim mysteriösen Verschwinden des gehenkten Jimmy. Sein pompöses Mafiabegräbnis glüht lange nach.
Fazit: Das bald 95 Jahre junge Werk besitzt mehr Aktualität und Brisanz denn je. Seine elegant überzeichnete Inszenierung erfüllt Bertolt Brechts und Kurt Weills historischen Anspruch auf Technisierung sowie Demokratisierung der Oper allemal. Bis Mai will der großbesetzte Dreiakter im Martini-Park »durchlebt« werden.
Weitere Infos, Termine und Tickets: www.staatstheater-augsburg.de