Klassik

Eviva España!

Renate Baumille...
12. Januar 2022

Beim 4. Sinfoniekonzert »Castellano« widmeten sich die Augsburger Philharmoniker der faszinierenden Musik aus Spanien und Südamerika.

Dass dem Konzertpublikum im 4. Sinfoniekonzert der Augsburger Philharmoniker diesmal vieles – allerdings nur positiv – spanisch vorkam, war durchaus beabsichtigt. Das Programm mit Werken von Ernesto Halffter und Astor Piazzolla sowie einem Maurice Ravel-Zyklus inklusive »Bolero« wurde diesmal von Marcus Bosch als Gast dirigiert und beeindruckte nicht zuletzt dank der raffinierten Spielweise des Bandoneonisten Christian Gerber.

Fragt man nach einem bekannten spanischen Komponisten, so wird meist Manuel de Falla genannt. Weniger bis gar nicht vertraut ist man dagegen mit den Werken seines Schülers Ernesto Halffter (1905–1989), dessen viersätzige und erstaunlich kontrastreich instrumentierte »Sinfonietta in D-Dur« beispielhaft für den musikalischen Neoklassizismus seines Heimatlandes steht und das 4. Sinfoniekonzert im Kongress eröffnete. Leicht ins Ohr ging insbesondere das sanftmütige Adagio, während im dritten und auch im finalen Satz die grandios gemeisterten Soloeinsätze von Trompete und Holzbläsern die feurigen und bewusst humoristischen Effekte beisteuerten. Dennoch vermisste man ein wenig den großen sinfonischen Bogen, der die in sich markanten Sätze mit einer Art kompositorischem roten Faden verknüpft hätte – schwer zu sagen, ob das nun am Werk oder am Dirigat lag.

Für Auge und Ohr ein Gewinn und insbesondere für alle Piazzolla-Fans ein lange erwarteter Höhepunkt dürfte das erst 1979 geschriebene Konzert für Bandoneon und Orchester »Aconcagua« gewesen sein. Das bereits Anfang des 19. Jahrhunderts bekanntlich in Deutschland erfundene Harmonikainstrument verkörpert par excellence die Faszination und den unverwechselbaren Klang des Tangos und wurde von Christian Gerber virtuos und stehend bzw. auf seinem rechten, mittels eines Klavierhockers hochgestellten Oberschenkel platziert gespielt. Solist und Instrument verschmolzen zur Einheit und tanzten mit dem Orchester um die Wette, sodass sich in allen drei raffiniert rhythmisierten Sätzen die flirrende Sinnlichkeit und die kühle Tristesse des von Piazzolla meisterhaft sinfonisch gebetteten Tangoflairs ergossen. Schade und nicht nachvollziehbar, dass Gerber den definitiv nach einer Solozugabe »flehenden«, für 250 Besucher in der Tat hörbar intensiven Beifall ignorierte. Stattdessen gab es nur ein Exzerpt aus dem bereits gehörten Konzert. Der nach der Pause auf orchestralem Toplevel präsentierte Ravel-Zyklus versöhnte rasch mit dieser kleinen Enttäuschung. Im spanischen Modus bzw. Idiom bleibend, eignete sich die 1907 zunächst für zwei Klaviere komponierte »Rapsodie Espagnole« mit ihrem spannungsreichen Konstrukt und einer bisweilen magischen Klangfarbigkeit optimal als Auftakt in das Hörabenteuer, das fast jedes Werk dieses so geistreichen, im Baskenland geborenen Komponisten Maurice Ravel bietet. Das galt für das in der Tat ziemlich »närrisch« wirkende »Morgenständchen« mit seinen tänzerischen Passagen, in denen die Seguidilla-Rhythmen südländisches Ambiente suggerierten. Das galt natürlich nicht minder für den populären »Bolero«, der immer noch die Klassik-Hitliste anführt. Daher war es umso bemerkenswerter, wie elegant, wie transparent Marcus Bosch gemeinsam mit den formidablen und souverän musizierenden Philharmonikern agierte. Kostbar, wenn man den Ohrwurm wie neu erleben darf, »entkitscht« und damit ungemein spannungsreich von der erstmaligen Thema-Intonation bis zum eruptiven Finale. Und entsprechend tosend fiel der Beifall aus, der neben all den präsenten Solisten-Leistungen und dem Gast auch den genialen Komponisten würdigte.

www.staatstheater-augsburg.de

 

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