Literatur

Existenzkampf, Liebe, Kriegsgeschrei

Dieter Ferdinand
22. Dezember 2020

1934 kommen Ludwig und Heinrich Seligmann per Schiff in Tel Aviv im britischen Protektorat Palästina an und singen mit hundert Passagieren die Hatikwa, die Hymne der Hoffnung. Ludwig will sich hier eine Existenz aufbauen. Heinrich: »Mein Land ist Deutschland.« Gesprochen wird Hebräisch, Deutsch, Iwrith und Jiddisch.

Die deutsche Zeitung berichtet über die Nürnberger Gesetze, auch das »Reichsbürgergesetz«. Vater Isaak verkauft sein Haus in Ichenhausen, um mit Mutter Klara fliehen zu können. Weitere Angehörige kommen nach. Bald ist die Familie in Tel Aviv wieder zusammen. Die Brüder suchen Arbeit, finden Jobs; Ludwig wird Prokurist bei einem Großunternehmer. Heinrich heiratet, arbeitet bei einer Zeitung, bei der er dauerhaft bleibt.

Die Jewish Agency kauft Land, das führt zu Anschlägen und Krieg. Die jüdischen Bewohner bauen eine Armee auf, die Briten bemühen sich vergeblich um ein Gleichgewicht, würgen die Einwanderung von Jüdinnen und Juden ab, schlagen sich auf die Seite der Araber.

Hannah, Ludwigs spätere Frau, Ostjüdin aus Berlin, erhält Briefe aus Polen von Angehörigen; die Schlinge zieht sich zu: »Niemand will uns Jidn.« Es folgen: Anschluss Österreichs, Annexion der Tschechoslowakei, Krieg gegen Polen, Kriegserklärung von Großbritannien und Frankreich, Pogromnacht, Deportationen in die KZs. Heinrichs Traum von der Rückkehr nach Deutschland ist zerstoben. Er bleibt lebenslang Bote für eine deutschsprachige Zeitung. Ludwig will in Palästina bleiben. 1940 bombardiert die italienische Luftwaffe Tel Aviv. Ludwigs Bruder Kurt (18 Jahre) und sein Schwager Joel werden Soldaten. Foto, klick hier zum Vergrößern: Ludwig mit Kurt in Uniform, 1940.

18. September 1940: Die Hochzeit von Hannah und Ludwig »war eine Feier wie im Schtetl«. Der Rabbiner hatte eine Rede auf Deutsch gehalten. Bald danach stirbt Vater Isaak. Er wird am Ölberg beigesetzt.

In Europa zieht sich nach der Landung der Amerikaner und Briten auf Sizilien und der Kapitulation in Stalingrad 1944 »die Schlinge um Hitlers Nazireich immer enger zu«. Am 27. Januar 1945 befreit die Rote Armee Auschwitz, am 8. Mai kapituliert Deutschland: die Befreiung! Bis auf einen waren alle Jüdinnen und Juden aus Ichenhausen vergast worden. Als ein alter Freund Ludwig darum bittet, seinem schwer kranken Kind nahrhaftes Essen zu schicken, wirft Hannah ihm vor, den Nazis, den Mördern ihrer Geschwister Essen gesendet zu haben, »damit sie weiter Juden umbringen können«.

Ludwigs Kinderwunsch geht 1947 in Erfüllung, verstärkt aber auch Hannahs Kriegsangst. Als Rafael geboren ist, stürmt Heinrich ins Krankenzimmer, umarmt Ludwig und spricht als Ältester den Segen über das Baby: »Möge Gott dich segnen bei all deinen Taten und auf all deinen Wegen.« Da es für den britischen Standesbeamten keine israelische Staatsbürgerschaft gibt, wird Rafael deutscher Staatsbürger. »Rafael bedeutet: Der Herr heilt.« Foto, klick hier zum Vergrößern: Ludwig, Rafael und Hannah, 1948.

Am 14. März 1948 wird die britische Flagge eingeholt, vier Stunden später proklamiert Ben Gurion den Staat Israel. Hannahs Angst um ihren Sohn steigert sich, als die ersten arabischen Angriffe Tel Aviv treffen: »Bomber! Sie kommen, um mein Kind zu töten.« Nach langen Kämpfen, bei denen Frankreich und Großbritannien die Araber unterstützen, während die Tschechoslowakei Israel auch mit Messerschmitt-Jagdflugzeugen hilft, erzwingt der UNO-Sicherheitrat eine brüchige Waffenruhe.

Rafaels erstes Wort ist »Oto«, Auto. Hannah redet mit ihm Hebräisch, Ludwig Deutsch. Der Versuch Ludwigs, eine eigene Textilfirma aufzubauen, scheitert nach einer Hochphase; ebenso sein Bemühen, durch ein Bistro die Familie zu ernähren. Der Streit zwischen den Eheleuten nimmt zu. Rafael wird hineingezogen: »Warum seid ihr so gemein?« Er wird schwer krank, eine Kur am Meer lässt ihn genesen. Dann erkrankt Hannah lebensgefährlich. Ein Arzt führt das auf die feuchte Luft in Israel zurück und rät dem Paar, nach Europa zurückzukehren. 1957 verlassen Ludwig, Hannah und Rafael Israel. Ludwig macht sich Vorwürfe, dass er nichts aufgebaut habe. Hannah: »Verweht! Wir gehen zurück in die alte Heimat, Ludwig. Deutschland ist jetzt unsere Zukunft.«

Der Roman ist fesselnd und in schöner Sprache geschrieben. Genial wechselt Rafael Seligmann die Sprechenden, bis er sich selbst gegen Ende als Kind zitiert. Immer ist erkennbar, wer gerade redet. Wiederum werden in einem Glossar die hebräischen und die jiddischen Worte erläutert. Wir dürfen gespannt sein auf die dritte Folge der »Familiensaga«.

Rafael Seligmann – »Hannah und Ludwig: Heimatlos in Tel Aviv«, LangenMüller Verlag, 400 Seiten, 24 Euro, ISBN: 978-3-7844-3569-5

Das Buchcover (Abbildung oben, klick hier zum Vergrößern) zeigt ein ankommendes Schiff in Palästina, 1936.

www.langenmueller.de

Im ersten Teil »Lauf, Ludwig, lauf!« schreibt Rafael Seligmann über die Kindheit und Jugend seines Vaters Ludwig. Zur Rezension von a3kultur-Autor Dieter Ferdinand unter: https://a3kultur.de/positionen/jugend-zwischen-synagoge-fussball-und-existenzkampf

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