Kulturelle Sichtbarkeit ist eine grundlegende Voraussetzung, wenn es darum geht, einerseits den gesellschaftlichen Stellenwert von Kunst und Kultur widerzuspiegeln sowie ganz konkret Kulturorte und deren Programm auf vielfache Weise im Mikrokosmos einer diversen Stadtgesellschaft zu präsentieren. Zweifelsfrei verändert sich kulturelle Sichtbarkeit. Das liegt mitunter an der veränderten Bedeutung von Printmedien, in denen Kulturveranstaltungen beworben werden. Hinzu kamen neue digitale Möglichkeiten. Allerdings ohne analoge Werbeorte vollständig zu verdrängen.
Fikret, Du große Seele!
Augsburg verliert einen seiner bedeutendsten Brückenbauer zwischen den Kulturen.
Am Freitag, 22. Mai ist Fikret Yakaboylu im Kreise seiner engsten Familie friedlich eingeschlafen. Sein langjähriger Freund und Wegbegleiter Thomas Hecht erinnert an ihn:
Lieber Fikret, was bedeutet es, dass Du 1956 in Eskişehir in der Türkei geboren wurdest, 1985 nach Deutschland kamst, den Kültürverein mitbegründet hast und 2010 das Kulturcafé Neruda eröffnet hast? Was bedeutet es, dass Du mit dem Augsburger Pop-Preis Roy, dem Zukunftspreis und der Verdienstmedaille der Stadt Augsburg ausgezeichnet wurdest?
Vor 25 Jahren hast Du Dich taufen lassen. Du hast eine Frau, zwei Töchter und eine Enkelin. Der Krebs hat nun Deinen Körper zerstört und nach wenigen Wochen hat Dein Herz aufgehört zu schlagen.
Alle, die das Glück hatten, Dich und Deine ewige Seele zu erleben, wissen um das Viele zwischen den Daten! In Deiner Gegenwart wusste man: Jeder ist angenommen! Oder wenigstens fast. Denn Rassismus und Verachtung haben im bunten Baum des Friedens keinen Platz. In Deinem Bild vom bunten Baum sind wir alle Früchte – vielfältig, da bunt und wertvoll, weil Frucht. Dies hast Du gelebt und das war Dein größtes Kunstwerk!
Du warst vielfältiger Künstler, erschufst Grafiken, Schnitzereien, einmalige Texte, Gedichte und Theaterstücke. »Kültürverein« und »Kulturcafé Neruda« sind soziale Skulpturen. Dein Symbol ist der bunte Baum. Dein Vermächtnis ist, dass dieser wachsen soll!
Ein typischer Abend im Neruda: »kling« – der Löffel schlägt auf den Teller und Du hältst Deine unnachahmliche Rede. Dann spielen Deine »Neruda-Kinder« wunderbare Musik, die in eine Jamsession übergeht. In der Pause geht der Hut herum und es ist einfach alles gut.
Weit über die Grenzen Augsburgs hinaus wirkt das und spannt die Brücke der Musik zwischen Kulturen. Schwäbische derbe Volksmusik, türkisch melancholische Klänge der Saz oder brasilianische Rhythmen, Dichterlesungen und philosophische Gespräche und immer wieder die Jamsessions. All das wechselt sich an verschiedenen Tagen in Deinem »Neruda«-Café ab und verbindet sich zu einem Ganzen.
Wie funktioniert das gegenüber eines Altenheims mit mutmaßlich erhöhtem Ruhebedarf? Ganz einfach: gute Nachbarschaft und Respekt, bei dem dann auch viele Bewohner*innen selbst zu Gästen wurden.
Es waren viele Gäste: z. B. Deutschkurse oder der theologische Stammtisch, Greenpeace oder sonntagabends die Kirchgänger*innen der Dominikanerkirche.
Deine stille Freude über jeden kleinen Schritt zum Frieden schien endlos. Dein Körper war es nicht. Bis kurz vor Schluss hast Du trotz Schmerzen praktiziert. Im März warst Du noch selbst mit Döner und Sauerkraut auf der Bühne, um deutlich zu machen: »Warum dieser Streit. Dieser Land gehört mir, jenes dir? – Es gibt nur ein einziges Land: Sein Name ist Erde. Warum der Streit: ich bin weiß, er ist schwarz? Es gibt nur ein einzige Rasse: ihr Name ist MENSCH.« (Original, ohne sprachliche Korrekturen!)
Dann gingst Du, kurz schmerzvoll, aber mit dem Trost in Begleitung Deiner engsten Familie.
Fikret, Du große Seele!
Jetzt ist es an uns, Deinen Baum weiter blühen und wachsen zu lassen. Es tut uns selbst gut, diesen Weg zu gehen und weiter kulturell vielfältig zu leben – im Neruda und anderswo. Friede wird!
Zusammen sein, lesen, Texte ins Kondolenzbuch schreiben, trauern, lachen und Musik machen. All das hat weiter ein Zuhause im Neruda Fikret’s Kulturcafé, dem gesamten Team, der Nerudafamilie.
Informationen: Beisetzungsgottesdienst ist am 2. Juni um 9:30 Uhr in Sankt Moritz, Erdbestattung anschließend am Hermanfriedhof.