Fugger for future

3. Februar 2021 - 8:55 | Renate Baumiller-Guggenberger

Ein Hoch auf die Fuggerei und die Augsburger Stiftungskultur: Unter dem Jubiläumslabel »Fuggerei next 500 – from 1521 to future« rücken die Fuggerschen Stiftungen beide Phänomene ins Scheinwerferlicht.

Wäre es nicht so bizarr, bitter und bedrohlich, könnte man über die historische »Analogie« fast schon schmunzeln: Vor 500 Jahren wütete in Augsburg, einer wachsenden Stadt mit besonders vielen »Habnits« (armen Bürgern), eine Seuche. Der Pest fielen über 3.000 Tote zum Opfer. Am 23. August 1521 unterzeichnete Jakob Fugger seinen Stiftungsbrief, mit dem er neben der Fuggerei auch noch die Grablege St. Anna sowie die Prädikatur St. Moritz und damit insgesamt drei Stiftungen für die Ewigkeit festschrieb. In guter Tradition bürgerlicher Gemeinwohlstiftungen sicherte er sich und seiner Familie auf diese Weise fürbittende Gebete und integrierte im Dreier-Ensemble die Themen Frömmigkeit, Memoria (Erinnerung an die Familie) und karitativ-sozialen Zweck. Dieses historische Datum und die damit verbundene Stifter-Historie sowie die älteste noch immer bestehende Sozialsiedlung der Welt – die übrigens erst 1531 als »Fuckerei« benannt wurde – sollen 2021 gefeiert werden. Die Corona-Pandemie vereitelt derzeit jedes Fest(ival)-Geschehen. Unbarmherzig wirbelt sie auch das komplexe Jubiläumsprogramm durcheinander und teils über den Haufen. Sicher ist also nur, dass Flexibilität gefragt ist und selbst im vermeintlich wieder »gelockerten« Sommer noch immer hybriden bzw. digitalen Formaten Priorität eingeräumt wird.  

Hilfe zur Selbsthilfe für Bedürftige

Die Augsburger Fuggerei stellt seit einem halben Jahrtausend Wohn- und Lebensraum zur selbständigen Entfaltung zur Verfügung und huldigt damit einem Prinzip, das sehr heutig klingt: Hilfe zur Selbsthilfe für Bedürftige. Nicht zuletzt dank der architektonischen »Modernität« gilt sie als gelungenes Beispiel für den Sozialwohnungsbau: Wo in städtischen oder kirchlichen Spitälern arme Insassen eher entmündigt wurden und ärmlich hausten, erlaubten abgetrennte Wohnungen mit separatem Eingang den Fuggerei-Bewohner*innen die Privatsphäre, in der sich Würde wahren lässt. Die 500 Jahre alte Stiftung sichere »ein zentrales menschliches Grundbedürfnis für eine bestimmte Gruppe unserer Gesellschaft« ab. Das Jubiläum könne deshalb gefeiert werden, weil »die Stifterfamilie in Zeiten von Glanz und Erfolg genauso wie in Zeiten von Not und Gefahr für den Fortbestand der Stiftungen gesorgt hat.« Diese Fakten betont Astrid Gabler, Leiterin der Abteilungen Kommunikation und Programme der Fuggerschen Stiftungen, im Vorwort des von ihr herausgegebenen, 233 Seiten starken Buchs »Die Fuggerei. Familie, Stiftung und Zuhause seit 1521«, jüngst erschienen im Hanser Verlag.

Die Lektüre eröffnet einen fundierten Einblick in die Stiftungsgeschichte mitsamt ihrer Krisen und Umbrüche sowie der zweimal erforderlichen Wiederaufbauten, etwa nach der verheerenden Zerstörung der Fuggerei in der Bombennacht 1944. Prof. Dr. Dietmar Schiersner ist seit 2014 neben seiner akademischen Lehrtätigkeit auch wissenschaftlicher Leiter des Fuggerschen Familien- und Stiftungsarchivs. Als einer von sieben Autor*innen recherchierte und dokumentierte er in den zwölf Kapiteln Themen wie Mietnachlass als soziale Innovation und Armutsfürsorge, aber auch ganz direkt den Alltag der Fuggerei-Bewohner*innen. Er »vermittelt« zudem gekonnt zwischen Vergangenheit und Gegenwart, indem er etwa die kulturelle Bedeutung der spätmittelalterlichen Jenseitsorientierung verständlich macht. Aufschlussreich auch der Vergleich zwischen der Gesundheitsorientierung, die heute unsere Gesellschaft prägt und der intensiven Sorge um die ewige Seligkeit. Wo es um die Länge der Zeit ging, die man im Fegefeuer zu absolvieren hat, kamen Ablässe und andere Wohltaten zu Verkürzung gerade recht. Denn: »jederman wolt gen himl«. So blättert man mit großem Vergnügen und Erkenntnisgewinn durch das neue Standardwerk, das immer wieder deutlich macht, wieviel Zukunftspotential in der Fuggerei steckt.  

Selbst Einheimische, die als »Hobby-Stadtführer« mit Bekannten den Weg ins Idyll nahe der Jakobskirche finden, dürften bei diesen Zahlen verblüfft sein: 850 Schulklassen bestaunen pro Jahr die »älteste Sozialsiedlung« der Welt; 220.624 Touristen lösten im Jahr 2018 eine Eintrittskarte, um durch die acht Gassen zu flanieren. Im Juni 2017 konnte der zweimillionste Besucher seit April 2006 begrüßt werden. In den 140 Wohnungen der Fuggerei leben heute rund 150 Bewohner*innen vom Baby bis zum Hochbetagten – acht Familien, acht Paare und 103 Alleinstehende. 88 Cent beträgt die Jahres-Kaltmiete.

Die Jubiläumsagenda – Stand Januar 2021

Welche Veranstaltungen und Projekte planen die Fuggerschen Stiftungen im Schulterschluss mit der Stadt Augsburg und weiteren Partnern? Im Zentrum steht die kulturhistorische Sonderausstellung der städtischen Kunstsammlungen und Museen »Stiften gehen. Wie man aus der Not eine Tugend macht", die vom 28. August bis zum 28. November im Maximilianmuseum stattfinden soll. Sie taucht tief ein in die Lebensrealität um 1500, um Stiftungen als »urmenschliches« Phänomen und probate Ausdrucksform bürgerlichen Engagements zu würdigen und das mit allen Sinnen erlebbar zu machen.

Um 1521 konzentrierten sich in Augsburg Phänomene, die in die Gegenwart hinein ausstrahlen: Verstädterung und massiv steigende Lebenshaltungskosten, die Pest und Anzeichen eines Klimawandels erschütterten das Gefüge und den Zusammenhalt der Gesellschaft. Wer sollte die Fürsorge und Verantwortung für das Gemeinwohl in die Hand nehmen? Der Einzelne, die Kirche oder Stadt – Individuum oder Gesellschaft? Immerhin 800 gemeinnützige Stiftungen kennt die Stadtgeschichte. Ein echter Schatz ist offenbar auch die »laufmeterweise noch unberücksichtigt gebliebene Fülle an Archivalien«, wie die Kuratorin Dr. Heidrun Lange-Kracht in ihrem Appetizer-Vortrag zur Ausstellung auf Einladung des Jakob-Fugger-Zentrums der Universität Augsburg vor über 100 Zoom-Zuschauer*innen betonte. Vielversprechend scheint in jedem Fall ihre Prämisse, angesichts der vorhandenen Quellen einer musealen Textlastigkeit entgegenzuwirken. Neben Meisterwerken der »Goldenen Zeit« wie von Albrecht Dürer findet sich auch eine Graphic Novel von Paul Rietzl unter den Exponaten. Dank Kooperationen u.a. mit den Augsburger Domsingknaben, dem Ensemble Per-Sonat mit der Rapperin Sophie-Te und dem Beatboxer Lautblazer, aber auch durch die aufwändige Rekonstruktion von bislang wenig bekannter Musik der Straße um 1570 durch Sabine Lutzenberger, bereichern zahlreiche Hör-Inszenierungen den Rundgang. Besucher*innen können sich zudem mittels einer App entscheiden, ob sie die Exponate aus der Perspektive des »Armen« oder des »Reichen« fortsetzen wollen.

Die Jubiläumsplanungen sehen zudem eine spannende Installation vor: Auf dem Rathausplatz soll ein »Pavillon« als  temporäres, begehbares Objekt entwickelt werden. Dieses könnte Raum für Corona-konforme Begegnungen und hybride Veranstaltungsformate bieten, die nachhaltige Konzepte zu einer Fuggerei der Zukunft vorstellen und gesellschaftliches Engagement in Form von (Zu)-Stiftungen anregen.

Noch hofft Astrid Gabler auf eine Art Festakt zum Auftakt des Sommerjubiläums im Goldenen Saal und auf das Zustandekommen des großen Fuggerei-Familienfests, das für das Wochenende 28./29. August angedacht ist. In jedem Fall stattfinden wird vermutlich schon im April die Eröffnung des »Neuen Museums« in der Fuggerei: Dort wird Jakob Fuggers  Stifter-Story sowie Erhalt, Fortentwicklung und Finanzierung über die Zeit der Stiftungsgründung hinaus illustriert. Auch die  »Medizinhistorische Tagung« (22. bis 25. September) könnte zu Zeiten des Charité-Serien-Hypes die breite Öffentlichkeit interessieren. Immerhin gab es mit dem »Fuggerschen  Schneidhaus« eine der ersten privaten chirurgischen Anstalten Europas sowie medizinische Experimentierfreude im siedlungseigenen Seuchenkrankenhaus, das als »Holz- und Blatternhaus« firmierte. In jedem Fall installieren können sich Besucher*innen beim Fuggerei-Rundgang die eine oder andere neu konzipierte Themen-App.

www.fuggerei-next500.de
www.fugger.de
www.uni-augsburg.de/jfz
www.augsburg-tourismus.de

Abbildung oben: Titelmotiv des Buchs »Die Fuggerei. Familie, Stiftung und Zuhause seit 1521«, erschienen im Hanser Verlag (Foto © Eckhart Matthäus)

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