Theater & Bühne

Eine ganz wunderbare Sache

Gastautor

Vom Reiseleiter zum Märchenonkel. Ein Interview mit Matthias Fischer von Peter Garski

Matthias Fischer war einst Reiseleiter. Er reis­te in der Welt herum und erzählte den Menschen, die er begleitet hat, vieles über Land und Leute und passende Märchen in Bussen und an Lagerfeuern. Mehr und mehr entdeckte er den Zauber, der dem Erzählen innewohnt. Eines Tages beschloss er, sich ein großes Märchenzelt zu bauen. In Augsburg, neben dem Kulturhaus Abraxas hinter Büschen und Bäumen auf der Wiese. Sein Zelt füllte sich schnell. Stockbrot zum Backen überm Feuer und Getränke wurden angeschafft. Andere Märchenerzähler und ­-erzählerinnen gesellten sich zu ihm, auf dass man ganz oft und voller Abwechslung den Menschen mit Märchen aus der ganzen Welt ganz viel Freude schenken könne. Auch heute noch nach all den Jahren hat der Matthias Schmetterlinge im Bauch und im Kopf. Und weit und breit kennt man ihn als den Fischer mit dem Märchenzelt. Und er will das noch lange, lange bleiben.

Peter Garski: Hallo, Matthias, wie wurdest du Märchenerzähler? 

Matthias Fischer: Natürlich hat mir meine Mutter Märchen erzählt, die »Wurzelkinder« vorgelesen und jede Menge Fantasiegeschichten für mich und meine Geschwister ersonnen. Ich hatte schon in meiner Jugend einen guten Draht zum lauten Vorlesen von Texten, gewann einen Vorlesewettbewerb. Wie viele Jugendliche verfasste ich Gedichte, die ich auch gerne hörbar machte. Das musste auch gut klingen. Immer hatte ich auch einen Drang, in Texten tiefer zu schürfen – sei es in der Prosa, sei es in spirituellen Texten. Freunde wiesen mich 1990 auf eine damals sehr bekannte Karlsruher Märchenerzählerin hin, Elfriede Hasenkamp: Sie war mein erster Kontakt zum Thema Märchen nach meiner Kindheit. Mit ihr tauchte ich in einen für mich völlig neuen wunderbaren Geschichtenkosmos ein. Das hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Ich besuchte Fortbildungen, Märchenfestivals und nahm Privatstunden.

Bei dir brennt immer ein Lagerfeuer im Zelt. Was hat es damit auf sich? 

Es ist einfach schön. Es tut gut. Feuer ist etwas Ursprüngliches. Am Feuer kommen die wildesten Kinder zur Ruhe. Das Feuer ermöglicht das Kopfkino besonders gut. Es lenkt ab vom Erzähler, es dient als Projektionsfläche für die inneren Bilder der Zuhörer*nnen. Feuer ist einfach faszinierend. Und ich nutze es sehr gerne, um meinen Gästen zwischen den Erzählungen warmen Punsch oder Glühwein, Gegrilltes und Stockbrote anzubieten.

Du hast ein Programm für Kinder und eines für Erwachsene: Was ist der Unterschied?

Kinder wollen mitmachen und einbezogen sein. Unser Markenzeichen bei Kindervorstellungen ist genau das: Mitmach-Märchen. Das ist eine gute Mischung aus Zuhören, Aktivsein, Freude und Entspannung. Erwachsene tauchen einfach in die Welt der Märchen ein und lassen sich von längeren, spannenderen, sinnlicheren Erzählungen faszinieren. Das spricht eine ganz andere Zielgruppe an und findet natürlich abends statt, wenn die Kleinen schon im Bettchen sind.  

Warum hast du ein festes und ein mobiles Märchenzelt?

Das feste Zelt am Augsburger Kulturhaus Abraxas ist eine ganz wunderbare Sache, es ist alles bereit: hingehen, anfangen. Das ist sehr gut für das Publikum aus Augsburg und Umgebung. Wir können hier ein Programm mit festen Terminen anbieten. Es kommen Gruppen, Schulklassen, Kindergärten, Weihnachtsfeier- und Geburtstagsgesellschaften. Mit dem mobilen Märchenzelt komme ich gerne meinen Zuhörer*innen im wahrsten Sinne entgegen und baue vor Ort auf. Das spart Fahrtkosten und Zeit fürs Publikum und ich habe damit eine Menge zusätzlicher Erzählmöglichkeiten.

An welchen Orten bist du mit deinem mobilen Zelt unterwegs?

Oft besuche ich Schulen und Kindergärten. Auch Firmenfeiern, Weihnachtsmärkte und historische Feste. Auch für Ferienprogramme und private Feiern bin ich immer wieder on tour.

Was war bisher der entfernteste Ort, den du mit deinem Märchenzelt besucht hast?

Die Nordseeinsel Pellworm. Da stand das Zelt für die Schule und den Kindergarten. Das hat sich einfach so ergeben. Wir waren dort im Jahr vorher im Urlaub, und die Leute sagten: Wenn ihr wiederkommt, dann bitte unbedingt mit eurem Zelt. Ich warte aber schon darauf, dass uns das Goethe-Institut mal in die weite Welt schickt …

Verrate uns doch bitte dein Lieblingsmärchen. 

Das wechselt. Momentan liebe ich es, ein tibetisches Märchen zu erzählen. Es ist sehr kraftvoll und voller starker Bilder: ein prächtiger Stier, eine himmelhohe Bambuspflanze, eine überirdisch schöne Fee … Über die Jahre sind mir meine schon lange erzählten Märchen auch immer noch vertrauter geworden, wie alte Freunde oder Lieder, die man immer wieder gerne anstimmt, zum Beispiel »Der Eisenhans«, ein Märchen der Brüder Grimm.

Sicherlich erlebst du Lustiges und Aufregendes in deinem Leben als Märchenerzähler?

Da kann ich fast jeden Tag etwas erzählen. Als ich neulich »Das Meerhäschen« erzählt habe, kam da wieder die Stelle, wo der Prinz im Wald nach einem Raben ruft. Das ist eine Mitmachstelle. Alle gemeinsam rufen laut »Rabe!«. In diesem Augenblick flog draußen am Zelt mit lautem Krächzen ein großer Vogel vorbei, sein Schatten zeichnete sich auf der Zeltwand ab. Das war ein überraschender und sehr magischer Moment für alle im Zelt. 
 

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