Geschichtenerzählen als Sinneserlebnis

25. Februar 2021 - 11:48 | Juliana Hazoth

Von Brecht bis heute: Hörspiele schaffen eine besondere Form der Intimität und können gesellschaftlich relevante Themen packend darstellen. Lesebedarf – die a3kultur-Literaturkolumne

Seit 2010 findet alljährlich das Augsburger Brechtfestival statt, um den berühmten Dichter und Sohn der Stadt zu ehren. Bei dem mehrtägigen Event werden seine Werke neu interpretiert, dekonstruiert und rekonstruiert. Daneben gibt es zahlreiche Künstler*innen zu entdecken, die im literarischen Geiste Brechts ihr eigenes Schaffen präsentieren. So wird das Festival allen Widrigkeiten zum Trotz auch in diesem Jahr ein buntes Programm bieten, die Tradition wahrend und doch ganz anders. 2021 findet der Veranstaltungsreigen zum ersten Mal gänzlich digital und somit zu Hause statt. Mit einem käuflich zu erwerbenden Online-Ticket können sich die Zuschauer*innen bequem vom heimischen Sofa zuschalten und haben Zugriff auf zahlreiche Angebote. Eine vollständige Übersicht gibt es auf der offiziellen Website unter www.brechtfestival.de.

Zweifelsohne bedeutet diese Online-Edition viele Einschränkungen, nicht nur für das Publikum, sondern selbstverständlich allen voran für die Kulturschaffenden. Dennoch zeigt das diesjährige Programm, wie sie das Beste aus der Situation machen und alternative Medienformate nutzen. Besonders hervorheben möchte ich an dieser Stelle die Hörspiele, die es zu entdecken gibt – darunter ausgewählte Stücke des Schriftstellerehepaars Inge und Heiner Müller, mit dabei beispielsweise »Weiberbrigade« und »Der Bau«. Zudem sendet Bayern 2 im Radio eine eigene Reihe zum Festival.

Das Hörspiel ist – vollkommen zu Unrecht – eine beinahe vergessene Medienform. Nur selten erlebt man den regen Austausch über das zuletzt gehörte Hörspiel oder das persönliche Hörspiel-Highlight des Jahres. Neben der schriftlichen Literatur, dem Film und dem Theater nimmt dieses Medium nur wenig Raum ein, und doch ist es ein so spannendes wie auch vielseitiges Format. Hörspiele zeichnen sich durch ihre besondere Erzählform aus, denn anders als beim Hörbuch wird nicht einfach ein Text vorgelesen, sondern die Geschichte wird speziell für das Format konzipiert. Neben der sprachlichen, also textlichen Komponente spielen hier vor allem auch eine musikalische Untermalung, Toneffekte und die besondere schauspielerische Stimmleistung eine erhebliche Rolle.

Um diese literarische Leistung zu fördern und anzuerkennen, zeichnet die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste bereits seit 1977 das Hörspiel des Monats aus. Seit 1987 wird aus diesen das Hörspiel des Jahres gekürt. Im vergangenen Jahr hat sich gezeigt, dass Hörspiele der Coronakrise nicht nur trotzen, sondern durch sie sogar an Beliebtheit gewinnen. Der Leiter des Augsburger Kulturhauses abraxas Gerald Fiebig, der gemeinsam mit Lisa-Katharina Förster, Programmreferentin in der Monacensia im Hildebrandhaus München, und der Münchner Kulturjournalistin und Autorin Anna Steinbauer die diesjährige Jury des Hörspielpreises bildet, sieht die Stärken des Hörspiels in seiner Reduktion auf die Akustik. Gerade in Zeiten, in denen das bewegte Bild nicht nur in Form von Filmen, Serien und Fernsehshows auf uns einprasselt, sondern auch in Videokonferenzen und -telefonaten unseren Alltag prägen, erzeugt die Konzentration auf eine ausgewählte Sinneswahrnehmung Nähe. Die gehörten Eindrücke gehen direkt ins Ohr, direkt in den Kopf und schaffen so eine ganz besondere Form der Intimität. Dabei ist das Hörspiel auf die Ursprungsform des Erzählens zurückzuführen. Bevor es überhaupt Text gegeben hat, wurden Geschichten ausschließlich verbal weitererzählt und lebten von verstellten Stimmen und selbst geschaffenen akustischen Effekten. Diese Art des Erzählens macht sich das Hörspiel zu eigen, verbindet Musik und Sprache, atmosphärische Geräusche und schauspielerische Leistung.

Das Hörspiel verschafft sich Gehör. Das beste Beispiel dafür ist das gekürte Hörspiel des Jahres 2020 »Türken, Feuer« von Özlem Özgül Dündar. In 54 Minuten erzählt das Stück von dem Brandanschlag in Solingen am 29. Mai 1993, bei dem fünf Menschen türkischer Abstammung ums Leben kamen. Gürsün İnce, die sich mit einem Sprung aus dem Fenster für ihre kleine Tochter opferte, erhält endlich eine Stimme. Dazu hören wir die Mutter eines mutmaßlichen Täters und eine Überlebende. In weniger als einer Stunde werden das unfassbare Grauen der Tat und das Schicksal der betroffenen Personen für einen kurzen Moment hörbar, sogar ein Stück weit erahnbar. Dündar zeigt mit ihrem Hörspiel sehr eindrucksvoll, was dieses Format ganz eindeutig kann: aktuellen und gesellschaftlich relevanten Themen Platz schaffen, sie emotional, packend und sprachlich versiert aufarbeiten.

Bis 18. April steht das Hörbuch des Jahres 2020 »Türken, Feuer« von Özlem Özgül Dündar in der Audiothek des WDR kostenlos zum Download zur Verfügung.

Foto (© Elif Verlag): Özlem Özgül Dündar schreibt vor allem Lyrik, Prosa und Theaterstücke. Ihr Hörspiel »Türken, Feuer« wurde als »Hörspiel des Jahres 2020« ausgezeichnet.

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