Gesucht, aber nicht gefunden
In »SUCHEN.SEX.SPRECHEN« geht es um das sexuelle Erbe verschiedener Generationen und die Sprache der Intimität. Selbsterklärtes Ziel: das Schweigen über Sexualität, Intimität und Körperlichkeit zu brechen.
Am Samstag, den 13. November, präsentierte das Staatstheater Augsburg eine performative Lesung mit der Schauspielerin Christina Jung, die neu zum Ensemble gestoßen ist, und Luana Velis als Gast. In einer monatelangen Korrespondenz sprachen die beiden Frauen über ihre persönlichen Erfahrungen, tauschten sich aus und erarbeiteten gemeinsam einen methodischen Fragebogen, den sie Personen aus ihrem jeweiligen Umfeld ausfüllen ließen. Die Bezeichnung des eigenen Geschlechtsorgans wurde dabei ebenso abgefragt wie der Pornokonsum oder intime sexuelle Wünsche. Die Antworten zeigten, welche Unterschiede zwischen den Generationen herrschen und wie klar sich strukturell bedingte Gemeinsamkeiten finden.
Vor Beginn der Lesung werden Detailaufnahmen von nackten Körpern an die graue Betonwand hinter der Bühne projiziert, zu hören sind verschiedene Stimmfragmente. Jung und Velis nehmen auf zwei Stühlen Platz, das Bühnenbild minimalistisch und auf das Wesentliche konzentriert. Nichts lenkt von dem Inhalt des Vortrags ab. Offen und authentisch tragen die beiden Frauen die Fragmente ihrer Korrespondenz und der Interviewantworten vor. Nach dem wahrlich starken und beeindruckenden Einstieg, kommt jedoch allzu bald die Ernüchterung.
Die Intention von Jung und Velis ist mehr als lobenswert, ihr Thema topaktuell und wichtig. In ihrer Umsetzung verliert sich jedoch ihr Ziel. Statt ein komplexes und vielschichtiges Bild zu zeichnen, verwischen die Fragmente der Interviews und ihrer eigenen Überlegungen zunehmend zu einem undurchsichtigen Gedankenwirrwarr. Die sich ständig wiederholenden Antworten sollen Einigkeit der Befragten zeigen, sind letztlich jedoch schlicht eintönig. Auf neue Erkenntnisse oder wachrüttelnde Aha-Momente wartet man vergebens. Die wenigen Fragmente, die doch aufhorchen lassen, als beispielsweise eine Stimme von Missbrauch berichtet, werden bestenfalls ignoriert, Aufarbeitung gibt es keine. Auch problematische und gar diskriminierende Äußerungen fallen und werden ohne jegliche kritische Auseinandersetzung wiedergegeben.
Wer sich auf die Fahne schreibt, sich eingehend mit Sprache insbesondere im Kontext von Sexualität befasst zu haben, von dem ist schlicht mehr zu erwarten. Mehr Diversität, mehr Bandbreite, mehr sprachliches Feingefühl. Jung und Velis haben zweifelsohne die richtige Motivation, das richtige Ziel vor Augen. Ihre aktuelle Umsetzung scheint leider wie ein erster, ja unausgegorener Versuch, Worte zu finden. Doch, trotz aller Kritik, lässt er auf mehr hoffen: Mehr Reden, mehr Offenheit und mehr Tabubrüche. Wie nötig das ist, zeigt »SUCHEN.SEX.SPRECHEN« allemal.