Das ist das Glück?
Die erste Musiktheaterpremiere ging vergangenes Wochenende über die Bühne des Martini-Parks. Roland Schwabs »Eugen Onegin« überzeugt mit starken Bildern, bleibt aber in Klischees stecken.
Zwei junge Frauen sitzen mit dem Rücken zum Publikum. Man sieht ihre Gesichter nicht und doch weiß man, dass sie sehnsüchtig auf die funkelnde Metropole blicken, die sich vor ihnen ausbreitet. Weg vom Land, rein in das Gewusel der Großstadt. Ein Traum für die Zukunft.
Der Fokus ist klar, das unterstreichen auch die zwei zu den Seiten hin gebogenen Holzbretter (Bühne: Piero Vinciguerra). Wie Augen blicken sie in den Zuschauerraum, spiegeln aber den Traum von der temperamentvollen und lebenslustigen Olga (Natalya Boeva) und der zurückhaltenden, schüchternen Tatjana (Jihyun Cecilia Lee) wider. Das moder anmutende Bühnenbild trügt aber nicht über die Tatsache hinweg, dass die Geschichte und die Inszenierung sehr klischeebehaftet bleiben.
Die Mutter der beiden Mädchen Larina (Kate Allen) und Filipjewna (Luise von Garnier) gedenken mit dem Blick in den Zuschauerraum ihrer Vergangenheit. Trist scheint der Alltag zu sein, den die vier Frauen erleben. Das alles ändert sich als Olgas Verlobter Lenski (Sung min Song) mit seinem Freund Onegin (Shin Yeo) auftaucht. Da Onegin, der offenbar zu cool für diese und alle andere Welten zu sein scheint und unglaublich unsympathisch agiert, ist es schwer zu verstehen, warum Tatjana sich ausgerechnet in diesen Mann verlieben sollte. Aber offenbar verwandelt sich ein »Mauerblümchen« im Angesicht eines »Bad Boys« in einen Schwan, denn Tatjana wird ihre Nerd-Brille los und wird zur »Eine wie keine«.
Das Drama nimmt seinen Lauf: Tatjana offenbart Onegin ihre Gefühle, der will davon zunächst nichts wissen. Gott sei Dank, denkt man sich als Zuschauer*in, ist dieser Kelch an ihr vorübergegangen. Onegin tanzt auf dem Ball mit Olga – ein Affront. Als wäre das nicht schon schlimm genug, macht er sich auch noch über seinen Freund Lenski lustig. Daraufhin folgt ein Duell zwischen den beiden ehemals guten Freuden. Einer muss sterben, es ist leider der Sympathischere von beiden: Lenski.
Jahre später treffen sich Onegin und Tatjana auf einem Ball wieder. Tatjana ist aber mittlerweile verheiratet und hat offenbar ihr Mädchen-auf-dem-Land-Dasein im unschuldigen, rosafarbenen Kleidchen (Kostüme: Gabriele Rupprecht) überwunden. Vielmehr scheint sie nun eine russische Oligarchen-Ehefrau zu sein. Sie hat es geschafft, ihren Traum von der Großstadt zu erfüllen, könnte man resümieren.
Doch keiner ist ein Gewinner oder eine Gewinnerin in dieser Geschichte. Die Sehnsüchte konnten nicht befriedigt werden, die Ziele können im Nachhinein infrage gestellt werden. Am Ende fragt man sich: Und das ist das Glück?
Die Bühne ist ein optisches Highlight, Solist*innen, Opern- und Extrachor sowie die Augsburger Philharmoniker überzeugen. Am Ende der Premiere starker Applaus.