Die große Konstante
Die Besucher*innen erwartet einmaliges Theater bei den Passionsspielen in Oberammergau.
Oberammergau, 14. Mai
Der frühe Morgen kündigt einen herrlichen Frühlingstag im Ammergebirge an.
Die Parkplätze rund um die Gemeinde Oberammergau beginnen sich langsam zu füllen.
Für heute ist – mit zweijähriger Verspätung – die Premiere der Passionsfestspiele angesetzt.
Alle zehn Jahre, sofern kein Jubiläum oder eine Pandemie die Taktung durcheinanderbringt, laden die Menschen hier die Welt zu einem Kulturereignis, das in dieser Form wohl einzigartig ist.
An gut 100 Spieltagen, von Mitte Mai bis Anfang Oktober, ist das Passionsspielhaus mit seinen 4.500 Sitzplätzen der Nabel dieser Welt.
Von den etwas mehr als 5.000 Bewohner*innen engagieren sich in diesem Jahr 1800 bei den Passionsspielen. Etwa 300 Mitwirkende mussten seit den geplatzten Aufführungen 2020 und 2021 aus dem Projekt aussteigen. Sie konnten sich keinen weiteren Sommer für ihre Passionsspiele frei nehmen.
Ganz Oberammergau lebt mit und nur zuweilen von dem Spektakel, das seinen Ursprung im Pestjahr 1633 hat. In kurzer Zeit soll damals der Tod in die Gemeinde Einzug gehalten haben. Ein Gelöbnis wurde abgelegt, von nun an alle zehn Jahre das »Spiel vom Leben, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus« aufzuführen, sofern die Verbliebenen Verschonung fänden. Sie wurde ihnen zuteil. Angeleitet durch die mächtigen Klöster, die auch in dieser Region Bayerns das Sagen hatten, wurden über Jahrhunderte Spielkonzepte erarbeitet, die mit dem, was heute zu sehen ist, wohl wenig gemein haben. Wenn man von der aktiven Beteiligung der Bevölkerung an der Passion absieht. Sie ist die große Konstante und wohl auch das Geheimnis der langen Geschichte der Spiele. Aus der Gemeinschaft zur Gemeinschaft. Auf diese Formel bringt Bürgermeister Andreas Rödl den Geist des Spektakels auf den Punkt.
Seit vier Passionsspielen ist Theatermacher Christian Stückl Spielleiter in seinem Heimatort und in dieser Rolle vom Start weg eher Achternbusch als Archivar. Seit er die Verantwortung trägt, ist für die grundlegende Reform des Spiels viel nachhaltige Überzeugungsarbeit geleistet worden. Er verbannte antijudaistische Passagen aus dem Text und tilgte jede Einschränkung des Mitwirkungsrechts aufgrund von Religionszugehörigkeit, Familienstand oder Geschlecht. Alle Mitwirkenden sind jedoch in Oberammergau geboren oder seit mindestens zwanzig Jahren dort ansässig. Von dieser Regel ausgenommen sind nur die Kinder.
Am Vormittag leitet ein ökumenischer Gottesdienst im Theater den Festtag ein.
Auf der Bühne, neben den Chören und den Priester*innen, einige Dutzend Mitwirkende, die für ihr acht-, neun- und in wenigen Fällen sogar zehnmaliges Engagement bei den Passionsspielen geehrt werden. Die Stimmung ist fast familiär.
Den größten Applaus bekommt am Ende Stückl. Auch wenn er im Eifer der Ehrung die massive Altarkerze umreißt. Aber vielleicht ja auch gerade deswegen.
Die Passionsspiele in Oberammergau sind heute Bürger*innentheater. In ihrer Grundform traditionsverbunden. Inhaltlich auf der Höhe der Zeit. Im Zugang niederschwellig. Mit einer Radikalität Milieus durchbrechend, wie es sich die meisten Theaterintendant*innen im deutschsprachigen Raum kaum vorstellen können. Und sie begeistern ein gewaltiges Publikum. Noch vor der Premiere konnten drei Viertel der verfügbaren Karten abgesetzt werden.
Diese Besucher*innen erwartet einmaliges Theater. Geführt wird das gut fünfstündige Unternehmen von einem stimmgewaltigen Chor von 120 Sänger*innen. Im Wesen einem Oratorium ähnlich, gibt die Musik den Spielszenen einen Rahmen. Zum Höhepunkt dieser Gesänge öffnet sich die Zentralbühne und gibt jeweils die Sicht auf ein Tableau vivant nach Motiven aus dem Alten Testament frei. Für diese Aufgabe ist der musikalische Leiter Markus Zwink die richtige Wahl. Er ist auch für die zeitgemäße Überarbeitung der Kompositionen verantwortlich. Bühne und Kostüme hat Stefan Hageneier, bodenständig wie fantastisch, in einer Art Neo-Rauch-Schick gestaltet. Sie unterhalten das Auge, ohne mit Opulenz zu langweilen.
Auch schauspielerisch konnte die Premiere der Passionsspiele 2022 überzeugen. Alle Hauptrollen sind gleichberechtigt doppelt besetzt. Da wären, um nur einige zu nennen, Cengiz Görür mit seiner herzzerreißenden Darstellung des Judas. Maximilian Stöger als Kaiphas im wiederholten Rededuell mit Florian Maderspacher, der den Josaphat gib. Andrea Hecht als Maria neben Barbara Schuster als Magdalena. Und natürlich Frederik Mayet, der klassenkämpferisch auftretende Jesus. Seinen Text machte Christian Stückl zu einem Plädoyer für Frieden ohne Wenn und Aber. Stückl und Mayet bilden gemeinsam mit Abdullah Kenan Karaca ein Kräftetrio aus dem Münchner Volkstheater. Wie wichtig diese Verbindung für die Arbeit in Oberammergau wirklich ist, lässt sich kaum ermessen. Es gibt noch Karten. Hingehen!
Nach der ersten Spielhälfte drei Stunden Pause. Knapp sechs Stunden dauert das Spektakel.
Die Schlange vor dem Cateringzelt ist kilometerlang und verleitet zu einem ausgedehnten Spaziergang rund um Oberammergau.
Auf dem Weg zu den Toiletten stehen Didi Hallervorden und Eckart von Hirschhausen. Didi blickt ernst. Das Zelt der Ehrengäste ist mit 1.000 Plätzen voll besetzt und es ist heiß. Die Klocontainer teilt man sich mit der Presse.
Es sind viele Priester hier, aber noch mehr CSU-Adel samt Polizei und Wachschutz. Kulturmenschen aus Berlin und München an allen Ecken.
Mit diesem Auftrieb könnte man in Augsburg glatt zwölf Fuggerpavillons in Folge auf dem Rathausplatz eröffnen und hätte die Gästeliste immer noch nicht durch.