Theater & Bühne

Heuchler-Happy Hour

Das Staatstheater Augsburg lässt Molières »Menschenfeind« auf der Brechtbühne schimpfen.

Es passiert viel auf der Brechtbühne: Ständig ertönt die Türklingel, Leute kommen und gehen, tanzen, streiten, flirten, futtern Macarons, lästern, trinken Champagner – an der Wand eine Flut an digitalen Chats, die sich auf der eigens für das Stück entworfenen Social-Media-Plattform »Molusk« ergießen, und über allem thront ein DJ (lässig: Lilijan Waworka), der Club-Beats mit Cembalosound zum Besten gibt – auf einem Nachtclubsofa sitzt derweil genervt der Protagonist und versucht das Leben in dieser Gesellschaft irgendwie auszuhalten. 

Molieres »Menschenfeind« zeigt, welch satirische Kraft die gebundene Sprache des französischen Dramatikers auch heute noch hat. Komödie vereint sich mit Tragödie, der Held mit dem Antihelden, der Misanthrop mit dem Melancholiker.

Alceste ist Idealist, hasst Heuchelei und liebt die (seine) Wahrheit, die er jedem/r an den Kopf knallt. So auch dem Möchtegerndichter Oronte, dessen Sonett »Die Hoffnung« er in der Luft zerreißt – herrlich quälend langsam und mit stoischer Boomer-Selbstsicherheit am Handy vorgetragen von Klaus Müller, der selbiges aber nicht so richtig bedienen kann: »Ich hab die Hoffnung weggescrollt – das hab ich so aber nicht gewollt«. 

Regisseur André Bücker bringt das Stück von 1666 in die Gegenwart und zeigt uns, dass der Unterschied gar nicht so groß ist: viel Klatsch und Tratsch, Protzerei, Heuchelei und Lästern, gekränkte Männer-Egos, die sich vor Gericht rächen wollen, vermeintliche Liebe und Schwärmerei, dazu viel Alkohol und Party. »Die Geissens« meet »The Royals« und bieten Einblick in das Leben der Reichen und Schönen mit Komik und Tiefgang. 

Molières Cowboys und starke Frauen

Die Kostüme von Imme Kachel verbinden geschmeidig Nineties-Momente mit Barockelementen und moderner Mode. Die »Heuchler-Happy-Hour« wird immer wieder durchbrochen von Alcestes misanthropischen Ansichten, der doch eigentlich nur mit seiner Célimène zusammen sein möchte. Die allerdings treibt ein mehr oder weniger falsches Spiel und hat mehr als nur einen Verehrer. Während Philinte und Éliante (wunderbar schräg und liebenswert Paul Langemann und Mirjam Birkl) heftig flirten und teure Macarons genießen, erscheinen Acaste und Clitandre (Thomas Prazak, herrlich aufgemotzt im Dallas-Cowboyanzug) und verwandeln mit ihren Enthüllungen die Geschichte in eine Eighties-Seifenoper, bei der kein Auge trocken bleibt. So wird die Reimform des Molièreschen Texts lebendig, was das Premierenpublikum mit tosendem Applaus, vor allem für Hauptdarsteller Kai Windhövel, feiert.

Ein paar Längen hat die Inszenierung des Augsburger Staatstheaters, die man aber aufgrund der großartigen Ensembleleistung und der innovativen Ideen gerne verzeiht. Starke Frauen, perfektes komödiantisches Timing, ein sicheres Gespür für Ästhetik und ein Verständnis für Molières gesellschaftskritische Texte. So kann ich am Schluss nur sagen:

Der Abend war schön, hab viel gelacht,
ab und zu auch übers Leben nachgedacht.

Doch am Ende, ich bin so frei, habe ich geschmollt,
denn ich hätte auch ein Macaron von Alceste gewollt!

www.staatstheater-augsburg.de

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