Höllensturz
Das Staatstheater Augsburg beschäftigt sich in seiner Oper »Angel’s Bone« mit den Abgründen menschlichen Daseins: Menschenhandel, Prostitution, Ausbeutung, Sklaverei. Dabei kann jeder zum/zur Täter*in werden.
Ein Wochenende der leichten Kost war das vergangene des Staatstheaters Augsburg sicher nicht. Am Freitag feierte die Monooper »Anne Frank« in der Brechtbühne Premiere, am Samstag stand »Angel’s Bone« im Martini-Park auf dem Programm.
Anne Franks Lebensgeschichte sollte jedem*r bekannt sein, die Oper »Angels’s Bone« hingegen vielen wohl noch unbekannt. Schließlich feierte das Werk in Augsburg europäische Erstaufführung.
»Angel's Bone« ist eine Oper der chinesisch-amerikanischen Komponistin Du Yun und des kanadischen Librettisten Royce Vavrek. Das Werk ist eine zeitgenössische Parabel, die die dunklen Auswirkungen hinter der modernen Sklaverei und dem Menschenhandel untersucht, dabei aber vor allem einen Fokus auf die Menschenhändler*innen legt.
Zwei Engel fallen vom Himmel und landen im Garten von Mrs. X.E. und Mr. X.E.. Aufgrund von finanziellen Schwierigkeiten scheint das Ehepaar weit auseinander gedriftet. Die unausgesprochene Aggression zwischen ihnen ist greifbar, gegenseitige Vorwürfe erfüllen den Raum. Als sie jedoch die gefallenen Engel in ihrem Garten finden, erkennen sie darin ein Zeichen des Himmels, eine Möglichkeit der Spirale der Unzufriedenheit und des Geldmangels zu entkommen.
Sie beschließen, die verwundeten Engel wieder gesundzupflegen. Aus Angst, die magischen Wesen könnten wieder davon fliegen und sie damit ihr neugewonnenes Glück verlieren, zwingt sie ihn dazu, den Engeln die Flügel zu stutzen. »Boy Angel« und »Girl Angel« erleben von nun an die Hölle auf Erden, denn sie werden von dem Ehepaar an die Kirchengemeinde, an die »Kundschaft« verkauft und von ihnen seelisch und sexuell ausgebeutet.
Die Oper erhielt 2017 den Pulitzer-Preis für Musik. Die Jury beschrieb das Stück als ein mutiges Werk, »das vokale und instrumentale Elemente und eine breite Palette von Stilen in eine erschütternde Allegorie für den Menschenhandel in der modernen Welt integriert.«
Wer sich einen traditionellen Musiktheater-Abend erhofft, wird enttäuscht werden. Wer aber offen in »Angel’s Bone« geht, erlebt dort vor allem eine musikalische Explosion, eine Reise durch alle Genres. Von sakraler Chormusik über Jazz und Cabaret bis hin zu elektronischer Musik und Punk Rock ist alles mit dabei. Die Musik untermalt und kommentiert perfekt das Geschehen auf der Bühne. Zahlreiche Gänsehaut-Momente erschafft vor allem der Opernchor, gemeinsam mit dem Vokalzirkel, wenn sie zur erdrückenden Masse werden.
»Angel’s Bone« ist modern und behandelt dabei alte Themen. Seit den Ereignissen rund um die WM in Katar leben in Deutschland knapp 82 Millionen Expert*innen für Menschenrechte und Sklaverei. Die Problematik sollte also spätestens seitdem allen bekannt sein. Der hiesige Verein »Augsburger*innen gegen Menschenhandel« ist bei der Premiere in Augsburg leider kein Thema, engagiert sich aber seit Jahren gegen die Ausbeutung von (vor allem) Frauen in der Zwangsprostitution – in Augsburg und Deutschland. Du Yuns Werk legt den Finger in die Wunde, wühlt auf. Lösungen bietet es nicht, das schafft vielleicht der genannte Verein, aber das Stück provoziert, wie die Regisseurin es sich erhofft.
Weitere Termine: 17.2., 2.3., 23.4., 26.4., 14.5.