Ausstellungen & Kunstprojekte

Hohe Kunst am Bau

Peace Tower © Michael Hochgemuth / Stadt Augsburg

Sechs kolossale Wandgemälde machen ein markantes Hochhaus an der Lechbrücke zum Hingucker.

Diese Kunst ist wirklich nicht zu übersehen, bunt und plakativ leuchten sie allen entgegen, die den Lech über die Ulrichsbrücke queren. Die sechs himmelhohen Gemälde am sechzig Meter aufragenden Studierendenwohnheim gingen aus einem 2025 gestarteten Wettbewerb von Friedensbüro und dem Verein »Die Bunten« hervor, für den rund 123 Ideen eingereicht wurden. Fünf der nun realisierten Entwürfe wurden von einer Jury ausgewählt, für einen sechsten konnten die Augsburger*innen online votieren. 

Nun adelt die Malerei ein schnödes Wohnheim vollmundig zum »Peace Tower«. Malerisch gestaltete Außenwände fallen uns heute als vielfarbige Inseln im Meer der monochromen Häuser ins Auge. Im 17. und 18. Jahrhundert jedoch prägten bemalte Fassaden, wie sie heute noch am Kathanhaus zu erleben sind, das Bild unserer Stadt.
Auch das mit wechselvoller Geschichte und Gestaltung belegte Weberhaus am Moritzplatz vermittelt, wie vielfarbig Augsburg war. Seit 2013 hat diese Tradition wieder Fahrt aufgenommen, im Rahmen des Augsburger Friedensfestes wird Wandkunst im öffentlichen Raum realisiert. Murals wie jene am Studierendenhochhaus sind großformatig, zudem auch in ihren Motiven hochgezoomt und auf Fernund Signalwirkung bedacht. So groß wie hier – etwa 1700 m² – sind sie aber doch selten. Die drei Blöcke des Hochhauses aus den 1970er Jahren gruppieren sich um eine Mittelachse, sodass in den drei Innenecken zwei nahezu fensterlose, schmale Wandflächen aneinanderstoßen – in Größe (280 m²) und Proportion herausfordernde Bildträger für die Arbeiten der sechs Künstler*innen bzw. Teams. Verbunden sind die Werke durch das recht offen (oder beliebig?) formulierte Motto »Empowering Perspectives«, thematisch ging es um »studentlife«, »water heritage« oder »risking peace«. 

Die meisten von uns werden das neue Gewand des Wohnheims wohl im Vorbeifahren wahrnehmen, doch bleibt es dann meist bei einem flüchtigen Eindruck von »bunt« und »hoch«. Für mehr lohnt es sich, den vielgeschossigen Bau einmal zu Fuß zu umrunden. Wie Einzelbilder eines surrealistischen Comics sinken die sanftfarbig zerfließenden Sanduhren des Saarbrückers Cone The Weird nach unten, alles ist in »The Flow«. Diese nachgiebige Weichheit korrespondiert mit der wie hinter Riffelglas verschwimmenden Silhouette der »Woman with Olive Branch«. Doch lässt der australische Künstler Fintan Magee die Frau entschlossen in die Ferne blicken, einen stabilen Olivenzweig wie ein Gewehr geschultert. Eine Ecke weiter, umfasst von mächtigen Stadtbäumen, findet sich das nächste Bilderpaar. »Frieden beginnt mit einem Lächeln« meint der Leipziger Sprayer und studierte Anthropologe Bond Truluv und lässt folgerichtig kugelrunde Smileys dem Abgrund entgegenrollen. Wie Cone The Weird nutzt er das extreme Format der Wand, um in Einzelelementen Bewegung sowohl nach unten als auch in die Tiefe des Bildraumes zu generieren. Daneben konstatiert der in Augsburg arbeitende Daniel Man »peace possible«. Der international gefragte Künstler mit chinesischen Wurzeln, sowohl in der Graffiti-Szene als auch in der akademischen Kunst zu Hause, verzahnt überzeugend Raum und Fläche, Kurven und Geraden, lässt klare Kante auf Unschärfe treffen. 

Weiter zum letzten Duett, das aufgrund seiner Lage wohl die größte Aufmerksamkeit erfahren wird. Hier hat sich MOTS, ein Künstlerduo aus Portugal (Diogo Ruas) und Polen (Jagoda Ciernak), verewigt. »Branch Out« verweist in der Darstellung eines abstrahierten Baumes auf die Möglichkeiten des Wachsens, des über sich hinaus Wachsens. Favorit der Augsburger Bürger*innen war die Arbeit des Augsburger Trios OTF. Franziska Hauber, Oliver Skowronek und Tristan Huschke, die erstmals zusammengearbeitet haben, wollten hier »ohne Titel« die gesetzten Themen einbringen. Ob sie dies einlösen konnten, sei dahingestellt, doch ausgesprochen dekorativ ist das Wandbild allemal. Jenseits des hehren thematischen Anspruchs beleben die sechs Murals ohne Zweifel diesen Ort an der Lechbrücke. Sie lenken den Blick der Passant*innen weg vom Gebäude auf die Kunst an der Wand. Architektur wird hier – wie auch immer man in diesem speziellen Fall zu ihr stehen mag – zum Bildträger, zum Mittel, die baulichen Strukturen ein wenig verschwinden zu lassen.

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