Politik & Gesellschaft

»Ich habe Hoffnung, ja!«

a3kultur-Redaktion

Bei der Finissage der Ausstellung »gesichtslos« im Augustana-Haus zeigen sich die Abgründe unserer Gesellschaft. Die Folgen gescheiterter Gesetze, das Unvermögen deutscher Politiker*innen die Situation für die Prostituierten zu verbessern und der Kampf von NGOs gegen das System werden an diesem emotionalen Abend deutlich.  

15 Minuten kosten 30 Euro, 30 Minuten 50 Euro und eine ganze Stunde 150 Euro. Am beliebtesten sind die günstigen 15 Minuten. Bei der Arbeit schalte sie ihren Kopf aus, anders könnte sie es nicht ertragen. Eine Krankenversicherung habe sie nicht, Arztbesuche müsse sie aus eigener Tasche zahlen, angemeldet sei sie auch nicht, Gewalt, ja, die kenne sie nur zu gut. Dennoch sagt sie fast schon etwas fragend: »Ich habe die Hoffnung, dass alles gut wird. Wenn du auf etwas hoffst, z. B. was Schönes, dann hast du Hoffnung!«

Der letzte Abend der Ausstellung wurde mit einem Film eröffnet, in dem Prostituierte von ihrem Leben, ihren Träumen und vor allem ihrer Arbeit erzählen. Von dem Weg in die Prostitution, den Bordellen und Zuhältern und der Beziehung zur Polizei – kein Aspekt wird ausgelassen und jede Antwort erschüttert.  

»Bordell Europas«

Die Mannheimer Beratungsstelle für Prostituierte »Amalie« zeigte in den vergangenen Wochen ihre Ausstellung »gesichtslos« des Fotografen Hyp Yerlikaya im Treppenaufgang des Augustana-Haus. Zur Finissage lud das Team gemeinsam mit dem Verein »Augsburger:innen gegen Menschenhandel«, der Menschenrechtsorganisation »Solwodi« (Solidarity with Women in Distress – Solidarität mit Frauen in Not) und das evangelische Forum Annahof zur Podiumsdiskussion zum Thema »Prostitution in Augsburg – Gestern – Heute – Morgen?«. Nach informativen Begrüßungsworten der beteiligten Akteure und einem kurzen historischen Abriss über die Geschichte der Prostitution, begann die Diskussionsrunde mit dem Augsburger Kriminalkommissar a.D. Helmut Sporer, dem Bundestagsabgeordneten Dr. Volker Ullrich sowie der Traumatherapeutin Rodica Knab, der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Augsburg Barbara Emrich und einer ehemaligen Prostituierten.

Bei dem Gespräch wurde vor allem eins klar: Die bisherige Gesetzgebung geht an der Lebensrealität der betroffenen Frauen vorbei. Vielmehr trägt Deutschland aufgrund seiner laxen Gesetze mittlerweile den unrühmlichen Beinamen »Bordell Europas«. Das Prostitutionsgesetz von 2002 und das Prostituiertensschutzgesetz von 2017 traten vielleicht mit guten Absichten in Kraft, wurden aber von Anfang an von den NGOs und Anlaufstellen für Prostituierte scharf kritisiert.

Das nordische Modell

Stattdessen fordern sie schon lange die Einführung des nordischen Modells. Das Modell, das Ende der 90er-Jahre zunächst in den skandinavischen Ländern eingeführt wurde, entkriminalisiert die Prostituierten und kriminalisiert die Profiteure der Prostitution, legt einen Fokus auf flächendeckende Aufklärungs- und Präventionsmaßnahmen und unterstützt mit einem engmaschigen Angebot an Hilfestellungen die Prostituierten bei ihrem Ausstieg. So dürfte es in den Ländern mit nordischem Modell beispielsweise kaum vorkommen, dass eine Prostituierte weiterhin anschaffen gehen muss, um den für ihren geplanten Ausstieg so wichtigen Deutschkurs bezahlen zu können, wie auf dem Podium berichtet wird.

Nach Schätzung der Augsburger Polizei arbeiten circa 500 Prostituierte in Augsburg. Genaue Zahlen sind schwer zu ermitteln, denn viele Prostituierte sind nur kurz hier und werden auch selten angemeldet. Die meisten von ihnen stammen aus Rumänien. Sie sprechen in der Regel kein Deutsch und haben nur eine geringe Bildung. Mit falschen Versprechungen werden sie nach Deutschland gebracht, anschließend wird eine Abhängigkeitssituation erschaffen. Wer sich wehrt, wird mit Gewalt oder auch unter Einsatz von K.-o.-Tropfen gefügig gemacht. Oft sind die Frauen nur eine kurze Zeit in Augsburg, bevor sie in eine andere Stadt weitergereicht werden. Über das Jahr verteilt leben hier in Augsburg zwischen 1.200 und 1.500 Frauen, die in Clubs und Bordellen meist unfreiwillig prostituiert werden. Dabei müssen viele Frauen im Bordell 12 Stunden täglich zur Verfügung stehen, und bis zu 30 Freier bedienen.

Rodica Knab wurde in Rumänien geboren und arbeitet heute als Traumatherapeutin unter anderem mit Prostituierte in Augsburg. »Es ist erschreckend, was dort passiert«, macht sie zunächst deutlich. Ihre Schilderungen sind genau das: erschreckend. »Ich habe in 7 Jahren Arbeit keine einzige glückliche Prostituierte getroffen. Zeigen Sie mir bitte diese Frauen. Ich weiß nicht, wo die sind.«

Was kann jeder tun?

Aufklären ist auch hier das Gebot der Stunde für jeden Einzelnen. Der Verein »Augsburger*innen gegen Menschenhandel« fordert dazu auf, sich zu informieren, Veranstaltungen zu besuchen und schließlich weiterzuerzählen, was Prostitution wirklich bedeutet. Denn heute ist es scheinbar salonfähig geworden, mit seinen Besuchen im Bordell oder im Stripclub zu prahlen – dem sollte jeder Einhalt gebieten, damit die betroffenen Frauen nicht weiterhin mitten unter uns in einer Parallelgesellschaft leben müssen. Ein Leben, das oft aus Gewalt, Frauenhass, Erniedrigung und Menschenverachtung besteht.  

 

www.auxgegenmh.de

www.solwodi.de

www.amalie-mannheim.de