Im Zeichen des (Vor-)Lesens

1. März 2021 - 13:20 | Renate Baumiller-Guggenberger

Brechtfestival, Tag 3: fünf Autorinnen mit Auszügen aus ihren Werken, das Ehepaar Lina Beckmann/Charly Hübner mit »HelliBert & PandeMia« und zwei mitreißende Slampoet*innen.

»Ja, da muss man sich doch einfach hinlegen …« oder zumindest niederknien vor Bewunderung! Mein Einstieg erfolgte am frühen Abend mit einem weiteren Clip von Suse Wächter. Diesmal stand Brecht selbst – mit obligater Zigarre zwischen den Lippen – in einer Doppelfolge als einer der »Helden des 20. Jahrhunderts« im Scheinwerferlicht. Liebevoll eingebettet saß er zwischen Wächter und Matthias Trippner am Berliner Kino-Harmonium, um Pollys »Barbarasong« aus der Dreigroschenoper und das wehmutsvolle Lied »Und ich werde nicht mehr sehen das Land« ziemlich originalgetreu und grandios zu intonieren.

Die Literaturwissenschaftlerin Dr. Sabine Kebir setzte sich bei der Lesung aus ihrem 1998 erschienenen Buch mit einer bis dato unentschiedenen Streitfrage auseinander. Ist »Eifersucht auch eine Naturgewalt« oder wird sie irgendwann zivilisatorisch überwunden? Brecht wusste über dieses relevante Phänomen der menschlichen Psyche bekanntlich manches Lied zu singen – die ihn umgebenden Frauen bewältigten ihre Eifersucht mit jeweils diversen Strategien. Fakten zu Brechts nicht nur von Feministinnen bezweifeltem Image als »Ein akzeptabler Mann?« kann man im gleichnamigen Buch mit Erkenntnisgewinn nachlesen.

Stichwort für den nächsten Beitrag: Trotz Brechts betonter Skepsis gegenüber dem »Ausdrücklichen« lieferte das Video »HelliBert & PandeMia« (Foto © Brechtfestival) interessante Querverweise zu finsteren Zeiten und »undurchdringlichen Verstimmungen«, die bei den besten Paaren eine eigenwillige Dynamik verursachen. Das Schauspieler-Ehepaar Charly Hübner und Lina Beckmann hatte sich in der häuslichen Schwarz-Weiß-Tristesse des Hamburger Lockdowns Mokka kochend mit dem Briefwechsel zwischen Brecht und Helene Weigel beschäftigt. Auch Brecht hatte ja einst allein in Amerika lernen müssen »Gläser und Tassen zu spülen«. Warum auch nicht?

Mehr Klang und Farbe ins irgendwann doch monotone Online-Geschehen – die Grenzen rein digitaler Festivalformate wurden deutlich – brachte in bester Reminiszenz an die früheren (ach!) Live-Formate im Gögginger Kurhaus der Auftritt der Slampoet*innen Tanasgol Sabbagh und Henrik Szanto. Musikalisch befeuert wurden sie durch die bewährte Band um Kurator und Bassist Girisha Fernando sowie Steffi Sachsenmeier und Tom Jahn. Brechts Textzeile »Du sollst kein Brot essen« hatte zu überzeugenden Spokenword-Kreationen inspiriert, die gewitzt Genderklischees aufbrachen und virtuos der »Geduld der Armut« auflauerten. Toll, am Dienstag gibt es Slam-Nachschlag!

Mit Marion Braschs lebendiger Romanlesung »Ab jetzt ist Ruhe« (2012) tauchte man flugs hinein in die »tragische Geschichte, aber nicht in ein tragisches Leben« ihrer fabelhaften, in der DDR bekannt gewordenen Familie. Die sympathische Radiomoderatorin und Autorin – Schwester des Schriftstellers/Regisseurs Thomas Brasch, des Schauspielers Klaus Brasch sowie des Prosa- und Hörspielautors Peter Brasch – betont im Buch insbesondere auch die »Widerstände der Söhne gegen eine Vätergeneration«  und »ein Regierungsangebot, mit dem sich die Jugend nicht länger einverstanden zeigte«. 

www.brechtfestival.de

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