Jeder ploppt zu seiner Zeit
Zwischen Social-Media-Blues und Einsamkeitsgefühlen: In »Popcorn oder Einsame Explosionen«, dem neuen Stück des Jungen Theaters Augsburg, geht es um die Lebensrealität von Jugendlichen.
Anstatt schlafen zu gehen, scrollt Mischa (Michael Schröder) endlos durch seinen Feed. Von einem Video zum anderen wird ihm durch den geschulten Algorithmus immer mehr Content angezeigt. Er checkt, was andere machen bzw. posten, und betrachtet das augenscheinlich sehr spannende Leben der anderen auf Instagram und Co. Sein eigenes Leben hingegen spielt sich vor allem in seinem kleinen Zimmer ab – und in seinen Gedanken.
Um der Realität zu entkommen, taucht Mischa immer wieder in die digitale Welt ein, baut sich dort ein spannendes, abenteuerreiches Leben auf. Darin ist er nicht mehr der schüchterne, introvertierte Junge, sondern ein berühmter Sänger auf einer Bühne oder schauspielert an der Seite von Leonardo DiCaprio in einem Hollywoodfilm. Für seine Leistungen wird er bewundert und gefeiert.
Doch das ist fernab jeglicher Realität. Mischa fühlt sich in seinem Leben oft sehr einsam. Sein bester Freund, mit dem er spielen und sich austauschen konnte, zog weg. Die Suche nach neuen Freund*innen gestaltet sich schwierig. Denn da wäre noch die Angst – die Angst vor Ablehnung, davor, nicht dazuzugehören oder negativ aufzufallen. Die Angst davor, die Klingel zu betätigen, um auf die Party einer Klassenkameradin zu gehen, weil er befürchtet, wieder einsam in der Ecke stehen zu müssen.
Anhand der Metapher des Maiskorns, das mit einem Knall aufploppt und gemeinsam mit vielen weiteren aufgeploppten Maiskörnern eine Tüte Popcorn bildet, veranschaulicht das Theaterteam den Wunsch vieler Jugendlicher nach Zugehörigkeit und Gemeinschaft. Es gibt aber auch jene Maiskörner, die noch nicht aufploppen, sondern in der Tüte zurückbleiben. Vielleicht war einfach noch nicht der richtige Zeitpunkt für sie – oder sie wollen gar nicht aufploppen. Denn wie es im Stück so schön heißt: »Jeder ploppt zu seiner Zeit.«
Die endlosen Gedankenschleifen, Selbstzweifel und das Gefühl der Einsamkeit werden wohl die meisten Menschen kennen – so auch die Jugendlichen, die die erste Schulvorstellung besuchten. Im Anschluss an die Aufführung berichteten sie von ihren eigenen Ängsten, davon, inwieweit sie Mischas Sorgen verstehen können, und was ihnen gegen die Einsamkeit und das Gefühlskarussell hilft – und was nicht.
Mischa wünscht sich, als »gigantischer Typ« zu gelten – Michael Schröder hat das schon erreicht. Mit viel (Takt-)Gefühl nimmt er die Stimmung des Publikums auf, interagiert mit den Zuschauer*innen und unterbricht, wenn nötig, auch mal sein Spiel, um konzentriert wieder darin einzutauchen. Dabei übernimmt er alle Bühnenumbauten sowie Musik und Gesang selbst – und so wird sein kleines Zimmer immer wieder zur großen Bühne der Welt.
Das Stück ist für alle ab 13 Jahren geeignet. Alle Termine unter: www.jt-augsburg.de