Keine Alibiveranstaltungen

6. April 2021 - 11:05 | Renate Baumiller-Guggenberger

Die Bayerische Kammerphilharmonie bringt on air Weltklasse aus Augsburg in die Welt und hat sich dafür auf die Kunst hochwertiger Konzertvideos konzentriert.

Mit sieben Kameras und einem erfahrenen Tontechniker wurde im Kleinen Goldenen Saal das leicht veränderte »Traum-Team«-Programm in überzeugender Qualität eingespielt – und kann bewusst in drei separaten Videos aufgerufen werden. Während Sarah Christian als souveräne Interpretin von Mozarts Violinkonzert Nr. 3 G-Dur KV 216 und Maximilian Hornung als Solist des Cellokonzerts Nr. 2« von Haydn bereits im Februar online zu hören waren, feierte Tschaikowskys Streicherserenade C-Dur op. 48 im Kleinen Goldenen Saal die Youtube-Premiere erst Mitte März. Die Investition hat sich definitiv ausgezahlt, denn dank dieser exzellenten Ton- und Bildqualität kommen die Einspielungen dem gewohnt hohen Liveniveau erstaunlich nahe. So dringt selbst am flachen PC-Bildschirm die »früher« stets packende und spürbare musikalische Energie und Spielfreude samt klanglicher Transparenz (in)direkt über Auge und Ohr ins Hörerherz.

Erfreulich das Feedback in Zahlen, das den positiven Eindruck bestätigt: »Unser erstes Video mit Sarah Christian wurde fast 1.300 mal angesehen, was die vierfache Belegung des Kleinen Goldenen Saals bedeutet«, resümiert Orchestergeschäftsführer Valentin Holub und sieht damit seine Erwartungen in der Tat übertroffen. Holub ist sich sicher, dass fürs Digitale die kürzeren Formate vorteilhaft sind. Bevor man im Netz etabliert ist, brauche man auch nicht über Bezahlschranken nachzudenken.

Weniger Freude herrscht allerdings ob der Tatsache, dass die Stadt und vermutlich auch das Land Bayern für die kommende Saison dringend benötigte coronabedingte Zusatzunterstützung verweigern. Es steht viel auf dem Spiel – nicht mehr und nicht weniger als das Weiterleben des so clever gemanagten und exzellenten Klangkörpers, der zu seinem 30-jährigen Jubiläum definitiv etwas anderes verdient hätte, als immer noch hoch motiviert effiziente Überlebensstrategien ersinnen zu müssen. Valentin Holub verweigert sich nachvollziehbarerweise der aktuellen »Öffnungs-Fata Morgana« mit niemals kostendeckenden Konzerten; er hofft auf ein weitgehend normales Julikonzert im Parktheater zum Saisonfinale (7. Juli, »The Golden Violin«).

Die Umwandlung der Livekonzerte ins Videoformat signalisiert, dass die Musiker*innen der Bayerischen Kammerphilharmonie nicht bereit sind, die Flinte ins Korn bzw. die Geigen in den Kasten zu werfen. Die Produktionen sind sichtbar keine Alibiveranstaltungen, sondern sollen und können den engen Publikumskontakt sowie die Unterstützung durch treue Förderer und Sponsoren aufrechterhalten. Zu Recht weist Holub darauf hin, dass mit Ausnahme des für das Mozartfest geplanten Maikonzerts (»Bella Italia«) alle anderen Programme der Saison 2020/21 realisiert wurden, selbst wenn das große Jubiläumskonzert im November nur im Radio miterlebt werden konnte.

www.kammerphilharmonie.de

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