Theater & Bühne

Klapps, wie immer erfolgreich

Iacov Grinberg
12. Oktober 2021

Im Kulturhaus Abraxas tanzen derzeit die Puppen: Im Rahmen der Klapps PuppenSpielTage 2021 besuchte Iacov Grinberg für a3kultur eine Vorstellung des »Theaters con cuore«.

Die Zahl der vollständig Geimpften steigt, die Inzidenz bleibt relativ niedrig und das kulturelle Leben der Stadt erwacht allmählich – auch das traditionelle Puppentheater-Festival Klapps. Das erste Stück, das ich dieses Jahr sehen konnte, war »Hear my Song« des Theaters con cuore aus Schlitz.

Die Protagonisten des Stückes, zwei Künstler, behaupten darin, dass Künstler wie der Mond seien, den die Menschen nur von der beleuchteten Seite sehen können. Ihre andere, ihre persönliche Seite, soll für Zuschauer verborgen bleiben. Zwei Schauspieler erzählten von der Entwicklung ihrer künstlerischen und menschlichen Beziehung. Sie erzählen das mit Worten, aber vor allem mit Hilfe von verschiedenen Puppen: Manche sind kleine Handpuppen, andere fast menschengroß. Manchmal benehmen sich diese Puppen ganz zart, manchmal bewegen sie sich grotesk. Einige Szenen sind poetisch, andere hingegen sehr komisch: Der Zirkuslöwe schluckt den Dompteur, eine männliche Biene verführt eine Blume, eine junge Dame versucht aus der Seele ihres Geliebten alles wegzufegen, um selbst dort Platz zu finden. Puppen in Händen von Meistern können so eindrucksvoll sein, wie die besten Gedichte. Die Vorstellung wurde mit Musik untermalt, die eine wesentliche Rolle in dem Stück spielte.

Die Aufführung wurde vom Publikum begeistert aufgenommen und mit langem Applaus quittiert. Das Publikum war jung und alt und im Vorraum waren Gespräche in verschiedenen Sprachen zu hören. Das erinnerte mich daran, wie sehr die Wahrnehmung von Wahrnehmung von Theateraufführungen von dem kulturellen Hintergrund der Zuschauer abhängig ist.

Zum ersten Mal erlebte ich dies bei einem Amateurtheaterstück im Jahre 2006, bei dem ich als Zuschauer zu Gast war. In dem Stück wurde das Zitat »Schau` mir in die Augen, Kleines!« verwendet und der Saal reagierte stark. Ich wunderte mich, warum, und erhielt die Antwort: »Das ist doch aus Casablanca, einem Kultfilm!« Ich selbst bin in einer anderen Kultur aufgewachsen, für mich ist »Casablanca« kein Kultfilm. Genauso ging es meinem deutschen Kollegen, der in der DDR sozialisiert wurde.

Eine Theateraufführung basiert seht oft auf Feinheiten. Einst erzählte mir ein Bekannter, der aus dem russischsprachigen Kulturraum stammt, dass ihm sich die ganze Tiefe einer Theateraufführung von hiesigen Theatern nicht erschließen könne, da er Anspielungen oft nicht verstehe. Jene Anspielungen gibt es oft auch in modernen Aufführungen von klassischen Theaterstücken.

Bei einem Puppentheater ist das anders. Ein Puppentheater macht in der Regel sehr oft Gastspiele, seine Aufführungen sollen für das unterschiedliche Publikum möglichst verständlich sein. Und das passiert bei den Aufführungen der Theater beim Klapps-Festival wunderbar. Deswegen komme ich nicht um eine wichtige Frage herum.

Viele städtische Behörden und Organisationen, wie der Integrationsbeirat, bemühen sich um die Integration zahlreicher Stadtbewohner, die aus unterschiedlichen Kulturen stammen. Ihre Integrationsbemühungen auf dem Gebiet der Kultur sind aber sehr einseitig. Sie präsentieren uns Lieder, Musik oder Tänze, die aus anderen Kulturen stammen, und versuchen uns zu überzeugen, dass sie sehenswert sind. Andererseits werden kaum Versuche gestartet, den Menschen, die in einer anderen Kultur aufgewachsen sind, zu helfen, die hiesige Kultur für sie erfahrbar zu machen. Integration darf keinesfalls nur aus einer Eingliederung in die Arbeitswelt bestehen, sie soll, nein, sie muss auch das Öffnen der hiesigen Kulturwelt für diese Menschen beinhalten. Und das Puppentheater, eine Kulturform, die es in praktisch allen Kulturen gibt, präsentiert hierfür fantastische Möglichkeiten.

Ja, man muss dennoch auswählen, was Menschen mit nicht-deutschem Kulturhintergrund als Theaterbesuch zu empfehlen ist. Das »Kabarett« der Puppenkiste, die mit politischer Satire gespickt ist, oder »Jakob Fugger Consulting« des Sensemble Theaters, das auf städtische Zusammenhänge anspielt, kann man ihnen kaum empfehlen. Aber die Aufführungen im Rahmen des Klapps-Festivals sind zweifelsohne empfehlenswert.

Ich würde den städtischen Akteuren der Integrationsarbeit dringend empfehlen, die Aufführungen von Klapps für die Integrationsarbeit zu nutzen. Ich hoffe, dass in diese Richtung mehr unternommen wird. Für das diesjährige Klapps ist es zu spät, aber schon beim nächsten Klapps könnte mehr Publikum mit nicht deutschen Kulturhintergrund im Saal anwesend sein. Ich habe keine Zweifel, dass das nächste Klapps kommen wird.

Die Klapps PuppenSpielTage finden noch bis Sonntag, 15. Oktober im Abraxas statt. 

www.klapps.de

www.abraxas.de

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