Das Komische im Tragischen
Mit »Familienglück« gelingt dem Sensemble Theater ein Stück Sommertheater. Gesehen von Jürgen Kannler
Kultur im Quartier stärken. Dieses Versprechen steht ganz oben auf der To-do-Liste unserer Kulturpolitik. Wer so leichtfertig Parolen ausgibt, sollte bemerkt haben, dass einige Augsburger Stadtteile weit mehr bespielten Kulturraum vorweisen können als die Innenstadt.
Eines dieser gesegneten Quartiere ist das Textilviertel. Mit seiner Museumsdichte und dem bunten Treiben im Martinipark ist es der fruchtbarste Garten unserer Kulturstadt. Und eine der schönsten Blumen dort, erblüht seit mehr als 25 Jahren in der Kulturfabrik. Die Rede ist natürlich vom Sensemble Theater.
Die ebenso freie wie private Bühne zieht ihr Publikum aus der gesamten Region. Die hier uraufgeführten Stücke, oft aus der Feder von Sebastian Seidel, der gemeinsam mit Anne Schuester das gut ausgelastete Haus mit seinen rund 100 Plätzen leitet, sind international gefragt und gefeiert.
Nichts erinnert die Besucher*innen während der Vorstellung daran, in einem Vorstadttheater zu sitzen. Es sei denn, der Sommer kommt, und das Sensemble errichtet seine herrlich spartanischen Außenspielstäten im Garten der Kulturfabrik.
Eingerahmt von 60er-Jahre-Wohnblockästhetik hat sich dieser Garten einige Büsche und zum Teil recht stattliche Bäume ertrotzt. Dass der Mix aus russischer Folklore und Popmusik nicht aus einem der offenen Fenster aus der Nachbarschaft erschallt, überrascht etwas. Zum Programmheft wird Autan gereicht, und das gekühlte Getränk darf natürlich am Sitzplatz genossen werden.
In diesem Jahr wird Anton Čechov gespielt. »Familienglück« – ein Lustspiel des großen russischen Autors, frei nach seinen Einaktern »Der Heiratsantrag« und »Der Bär«.
Daniela Nering und Florian Fisch – das Premierenpublikum kennt, und, man kann wohl sagen, liebt die beiden. Sie stehen hier immer wieder gut und gerne gemeinsam auf der Bühne. Sie beherrschen das Komische im Tragischen, und ihre jeweilige Bühnenpräsenz ist robust genug, sich von den anderen Akteur*innen nicht an die Wand spielen zu lassen.
Den Čechov geben sie mit großer Geste und einer guten Dosis Anarchie. Sie überzeugen damit. Weil sie es können und ihnen Sebastian Seidel in seiner Regie Platz dafür lässt.
Auch das Bühnenbild von Birgit Linner funktioniert beschwerdefrei. Ihr kam es weniger darauf an, fein oder possierlich zu wirken, als die geforderte Örtlichkeit eines Doppelhauses samt angriffslustig wirkender Zaunbarriere in einer Praktikabilität zu bauen, wie sie für Sommertheaterabende mit Blitzumzugsrisiko gefordert wird.
Linner weiß, worauf es dabei ankommt. Zuletzt stand sie im vergangenen Jahr beim Sensemble-Dauerbrenner »Marathon« selbst auf dieser wunderbaren Gartenbühne mitten im Quartier.
Auch dem Publikum hat die Inszenierung sehr gefallen und gutgetan. Überzeugen Sie sich selbst davon! Weitere Termine: Im gesamten Juli, jeweils an den Wochenenden.