Zum Interview trafen wir Stephanie Schmid bei einem ihrer Kunden, der Schrebergartenwirtschaft »Im Garten« auf der Perzheimwiese im Augsburger Thelottviertel. Die Brauerei Ustersbach hat viele Gastrokund*innen, jedoch nur einige Gasthäuser im Eigentum. Neben dem weithin bekannten Bräustüble beim Brauhaus gehören die Holzkohle-Grillrestaurants FeuerWerk in Augsburg neben der City-Galerie sowie in Fischach und das Landgasthaus Leuthau mit seinen Fischspezialitäten in idyllischer Lage an der Wertach bei Schwabmünchen dazu. Nach dem Gespräch kam der Durst.
Kulinarik aus dem Häuschen
Eine Liebeserklärung an die Kioskkultur in Augsburg.
Es ist warm, sehr warm. Viel zu schön draußen, um sich in ein stickiges Lokal zu setzen. Es ist früh am Abend, Hunger grummelt im Magen, aber zum Abendessen ist es noch nicht Zeit. Ein schöner Sonntagvormittag, ein Treffen mit Freunden, um den Hangover des Vorabends vertreiben. Mittagspause im Büro, aber keine Zeit für ein ausgedehntes Mahl. Oder einfach zwischendurch unkompliziert essen und trinken.
All das ist in vielen Ländern charmanter Usus, an jeder Ecke findet sich ein Imbiss, ein Stehcafé, ein Kiosk, ganz zu schweigen von den legendären Garküchen in asiatischen Ländern, den Arancini-Ständen in Neapel, den Ständen in den Souks der arabischen Welt. In Mittelamerika trifft man sich auf einen Café Cubano, zusammen mit einem Sandwich, im Stehen oder auf ein paar zusammengewürfelten Stühlen und Tischen. Die Wartezeit bis zum nächsten Date vertreibt man sich mit einem kühlen Bier, einem Glas Wein oder einem erfrischenden Eis. Leben und leben lassen im Freien, in seiner ursprünglichsten Form. Seit sich Menschen in sozialen Gemeinschaften zusammenfanden, sind Treffen bei der fröhlichen Nahrungsaufnahme ein Teil der Verbindung zu anderen. Der Futterneid ist überwunden, man teilt und tauscht sich aus.
Nun ist das Ernähren sozusagen en passant hier bei uns nicht ganz so verwurzelt wie in anderen Ländern, wo der zwischenmenschliche Austausch vorwiegend ebenfalls im Freien stattfindet. Leider wird diese Art kulinarischer Gelüste in hiesigen Breitengraden in den letzten Jahren sehr durch den unsäglichen Coffee to go im Pappbecher nur unzulänglich befriedigt. Das hat nichts mit Sozialisierung und verbindender Gemeinschaft zu tun, es führt im Gegenteil eher in die Vereinzelung unter Ausschluss der Umgebung, auch akustisch unterstützt durch In-ear-Beschallung und die Vermeidung jeglichen Austausches mit der (menschlichen) Umgebung, geschweige denn dem Genuss eines natürlichen Geräuschpegels, der einen erdet und für Momente mit der Heimatscholle verbindet.
Wie viele Anekdoten, Erlebnisse, Erzählungen, Scherze und Gefühlsausbrüche, Tränen und Lachen, Nachdenken und Sich-fallen-Lassen gehen uns verloren. Umso schöner ist es, dass es sie durchaus auch hier bei uns gibt, die herrlichen Plätze, um sich für kurz oder auch etwas länger völlig unkompliziert aus dem Alltag auszuklinken, zu verweilen, die Zeit kurz anzuhalten, zu genießen. Einige Augsburger Gastronomen haben es sich vorgenommen, die Outdoor-Kulinarik weg von Billigwürsteln und Dosenbier hin zu ernsthaften kulinarischen Erlebnissen zu führen, neue Wege in Bewirtung und Qualität zu gehen. Ihr Engagement für das soziale Leben in der schwäbischen Hauptstadt ist nicht genug zu loben. Wobei es nicht immer einfach ist, ein Stück Ruhe und Genuss in unseren Alltag zu bringen, als Nische für die kleine Auszeit zwischendurch.
Plätze wie den wunderbaren Kiosk am Roten Tor oder die Waldidylle am Parkhäusl auskosten. Dem Gurgeln des Wassers ausgesetzt an der Kulperhütte sitzen, beschattet seinen (Wurst-)Salat an der Freibank mit einem fliegenden Futterneider zu teilen (oder diesen mit einer lässigen Handbewegung verscheuchen), auf dem Weg zum Stempflesee eine Pause am alten Parkplatzkiosk einlegen oder nebenan am Pavillon ein Stück Kuchen aus der Hand essen. Und das sind nur ein paar Möglichkeiten, es gibt noch viele mehr, am Kuhsee, am Stadtmarkt, in den einzelnen Stadtteilen. Summer in the City, und das nicht nur im Sommer. Am Roten Tor sind das Bier vor der Fahrt ins Stadion, der Punsch im Winter oder ein Gläschen (Bio-)Wein auch das ganze Jahr über möglich, auch für Veganer wird hier etwas geboten. Eigentlich könnte man so einen ganzen Tag verbringen.
Beim Frühstück mit einem herrlichen Cappuccino, einer Breze und unter vielleicht noch vom Tau tropfenden Bäumen des Siebentischwalds am Parkhäusel den vergangenen Abend besprechen oder einfach vor sich hin schweigen und den Affen im nahen Zoo lauschen. Eine Runde um den Stempflesee, dann ein Würstl auf die Hand am Parkplatzkiosk, ein Besuch des Forstmuseums Waldpavillon, danach am Häuslefenster der Waldgaststätte den ersten Spritz in der Sonne. Auf dem Weg weiter ein Stopp an der Kulperhütte, die Füße zum Kühlen ins Wasser, eine kleine Brotzeit mit Hummus und einer Limo, bevor es zurück in die Innenstadt geht. Sich der Augsburger Wassergeschichte hingeben und anschließend ein erfrischendes Glas Wein am Kiosk an der Haltestelle Rotes Tor, etwas länger als geplant dort sitzen bleiben und das Kommen und Gehen an den Trambahnsteigen beobachten, das Lärmen und die plötzliche Stille, wenn die Tram losgefahren ist, bis die nächste Fahrgastmenge an die Gleise drängt. Wenn es hier langsam dämmert und sich der Magen wegen Unterversorgung meldet, beginnt der Weg durch die Innenstadt, eventuell über die Maximilianstraße und den Rathausplatz zum Touristenschaun, am Dom vorbei bis zum Wertachbrucker Tor. Man könnte noch etwas Kultur einfließen lassen, aber schon winken die Freunde an den Biertischen vor der Freibank, und, was soll man machen, das erste Bier nach einem solch anstrengenden Tag ist schnell eingeschenkt. So oder so ähnlich
könnte ein liebenswerter Tag in Augsburg, flankiert durch feinste und ehrliche Kulinarik und gefüllt mit viel Lebensfreude, aussehen.
Und für so ein kleines Stück Glück ist auch im Alltag Zeit, man muss sie sich nur nehmen. Und wie viel mehr ist ein mittäglicher Halt an einem unserer Imbisse wert, der Energie und Kraft gibt, um den Nachmittag beschwingt und voller Tatendrang zu meistern, als ein Shot Koffein in einem Pappbecher! Dass sich ein Mittagsstopp gelegentlich bis in den frühen Abend zieht, ist nur einer von vielen positiven Nebeneffekten.
Wir besuchten: parkhaeusl.de | Bahnsteig am Roten Tor | www.kulperhuette.de | www.thorbraeu-stueberl.de | www.waldgaststaette-viktoria.de
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