Dasein

Kultur.Chance.Capital

Kulturbahnhof in Nova Gorica
a3kultur-Redaktion

Das sächsische Chemnitz und die slowenisch-italienischen Städte Nova Gorica und Gorizia sind 2025 Europäische Kulturhauptstadt und nutzen die Chance – jede auf ihre ganz spezielle Art.
 

Seit 40 Jahren wird das Label »Kulturhauptstadt« in Europa verliehen. Die schöne Idee stammt von der damaligen griechischen Kulturministerin Melina Mercouri. Berühmt wurde diese in den 1960er-Jahren als Sängerin und Schauspielerin.

Die ersten 14 Jahre waren es meist Metropolen mit eigener Strahlkraft, an die der Titel – damals noch »Kulturstadt Europas« – ging. Seit 1999 sind es meist zwei mittlere Großstädte oder Regionen, die sich den Titel teilen. Mit der damit verbundenen Ehre geht auch die Chance einher, als attraktiver Teil Europas (neu) entdeckt zu werden.

Die Ernennung erfolgt langfristig im Voraus, damit sich die Bewerberstädte umfassend vorbereiten können. Für die Ausrichtung stellt die EU eine finanzielle Unterstützung von 1,5 Millionen Euro bereit, den sogenannten Mercouri-Preis. Allerdings können die meisten Städte mit weitaus höheren Etats planen. In Chemnitz waren das 115 Millionen Euro, die sich aus Mitteln der Stadt, dem Land, dem Bund und eben den EU-Mitteln zusammensetzten. So manche Kulturhauptstadt der letzten Jahre wusste ihre Mittel klug zu investieren und auf dieser Basis eine langfristige Erfolgsgeschichte in Sachen Kultur zu schreiben.

Hinzu kommt das internationale Interesse, das der Titel mit sich bringt. So rechnet die Stadt Chemnitz für 2025 mit gut zwei Millionen zusätzlichen Besucher*innen. Ein positiver Impuls, der bis weit in die Nachbarregionen ausstrahlt und bei vielen Menschen und Unternehmen vor Ort für gute Stimmung sorgt.

 

»GO! 2025« – grenzenlos

Nova Gorica (Slowenien) und Gorizia (Italien) sind in diesem Jahr gemeinsam die erste grenzüberschreitende Kulturhauptstadt Europas. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Stadtgebiet zwischen Italien und Slowenien geteilt. Hier vollzog sich der Zerfall Europas in die beiden Machtblöcke bis hinein ins Privateste. Familien wurden getrennt, über Jahrhunderte gewachsene Strukturen abgeschnitten, und so mancher Bauer konnte seine Felder zwar jenseits der Grenze sehen, aber nicht mehr bestellen.

Auch wenn die Stadt nicht das brutale Schicksal Berlins erleben musste – die Grenze hier war meist durchlässiger als die zwischen den beiden deutschen Staaten –, war es doch ein Schnitt durch die gemeinsame Seele einer Region. 
Es schien, als fielen nach der Teilung die beiden Hälften in einen Dämmerschlaf, dem so mancher Ort auf dieser Welt anheimfällt, dessen Lebensadern verkümmern. Die italienische Seite, zu der ein großer Teil der hübschen Altstadt gehört, pflegte gezwungenermaßen das Dolcefarniente eines provinziellen Städtchens am Rande des westlichen Europas. Sie teilte ihr Schicksal mit der einst bedeutenden Kultur- und Hafenstadt Triest, zu deren Stadtgrenze es von Gorizia aus keine 30 Kilometer sind. Auf einer schmalen Landzunge zwischen der nördlichen Adria und der slowenischen Grenze gelegen, war die Region Friaul-Julisch Venetien plötzlich ohne Hinterland.

Auch die Millionen Autotouristen, die Jahr für Jahr in wachsender Zahl ihr Urlaubsglück an den Stränden der kroatischen Adria suchten, wählten für ihre Reisen – zum Glück? – andere Routen. Das alte Görz: allein gelassen und bald vergessen, im südöstlichen Korridor vor dem Eisernen Vorhang jugoslawischer Prägung.

Zum Glück waren einfache Reisemöglichkeiten auf beiden Seiten schon in den 1970er-Jahren weitgehend wiederhergestellt. Doch um den freien Handel und vor allem auch den kulturellen Austausch war es lange Zeit nicht gut bestellt. Es waren die Italiener, die schnell die kulinarischen Besonderheiten der direkten Nachbarschaft für sich neu zu entdecken wussten und Jugoslawien als reizvolle und günstige Urlaubsalternative zum eigenen Land.

Die Slowenen werden in den Staaten Ex-Jugoslawiens von vielen bis heute verballhornend als »švapitska« – Schwaben – bezeichnet. Sie fanden als geschickte, fleißige und versierte Arbeiter*innen rasch neue Verdienstmöglichkeiten im Westen. Die Situation zwang sie zum Handeln, und ihr Pragmatismus zeigte ihnen neue Wege.

Ihr Teil der Stadt erinnert im Zentrum an den Traum sozia­listischer Stadtplanungskollektive von der »neuen Stadt«. Eingebettet in reichlich Grün erzählen die in Teile sehr reizvollen Gebäude vom Versuch einer neuen Gesellschaft. Leider reichte dieser Versuch regelmäßig nur bis in die dritte Häuserreihe, bevor er dort dem zu erfüllenden Plansoll zum Opfer fiel. Dennoch verstanden es die Menschen, sich ihre Inseln des individuellen Glücks zu bauen. Heute wirkt Nova Gorica lebendiger als seine im alten Glanz schwelgende Schwester Gorizia.

Die beiden Kulturhauptstädte lassen sich mittels reizvoller, nicht allzu langer Spaziergänge gut erkunden. Es empfiehlt sich durchaus, eine Stadttour zu buchen, bei der auch einiges vom Alltag in den einst getrennten Städten zu erfahren ist.

Unbedingt sehenswert ist der aus K.-u.-k.-Zeiten stammende, frisch renovierte Bahnhof samt neu eingerichtetem Grenzmuseum und Ausstellungsflächen in den Unterführungen. Ihm vorgelagert ist der neu gestaltete Europaplatz. Das Kloster Kostanjevica und der benachbarte Rafut-Hügel samt Park und Villa sind von hier aus nur wenige Gehminuten entfernt. Von dort aus genießt man einen wunderbaren Blick über beide Städte, bis hinüber zur Burg Görz. Diese Anlage war einst die Keimzelle der Stadt. Ebenso beeindruckend sind der reizvoll in einem Park gelegene Palazzo Coronini Cronberg und das Erbe des jüdischen Görz, das mit der Nazizeit ein brutales Ende fand. Der Vorort Solkan bietet einen perfekten Start, um das fantastische Tal der Soča zum Beispiel mit dem Fahrrad zu erkunden. Das aktuelle Kulturprogramm »Borderless« mit Tanzevents, Konzerten und Ausstellungen findet sich auf www.Go2025.eu


Chemnitz 2025 – »In Bewegung!«

Zum Ende des 19. Jahrhunderts war Chemnitz die reichste Stadt in Deutschland. Die Textilindustrie und der Maschinenbau waren prägend. In den 1930er-Jahren lebten dort mehr als 350.000 Menschen. Auch in der Region blühte das produzierende Gewerbe. Nicht umsonst fand der Begriff »Industriedörfer« hier seinen Ursprung. Der Wohlstand spiegelt sich noch heute in Teilen der innerstädtischen Architektur. Sie verweist auf ein selbstbewusstes und der Moderne zugewandtes Bürgertum. Eindrucksvolle Fabrikanlagen sind hier keine Seltenheit. Leider wurden die meisten davon im Wandel der Zeiten zu leeren, jedoch oft reizvollen Hüllen, die ihrer neuen Verwendung harren.

Einige dieser Orte haben bereits ihre neue Bestimmung gefunden und erzählen so von den Möglichkeiten, die in ihnen stecken. Zum Beispiel als Industriemuseum, als Mischquartier wie der imposante Wirkbau oder als Besucherzentrum der Kulturhauptstadt in der ehemaligen Hartmannfabrik.

Über Stunden kann man in Chemnitz durch Quartiere mit fantastischer Villenbebauung wandeln. Im Gegensatz zu den Industriedenkmälern haben sie nie wirklich auf eine Wiederbelebung warten müssen. Die meisten davon beherbergen heute Anwaltskanzleien, Notarbüros und Immobilienunternehmen – was durchaus zu denken geben sollte.

Die Kulturhauptstadt Chemnitz erkundet man am besten und in gleichen Teilen zu Fuß, mit dem Fahrrad und dem Auto. Chemnitz wirbt schließlich mit dem Slogan »In Bewegung!«. Letztere Variante empfiehlt sich, da ein guter Teil des unbedingt sehenswerten Kunst- und Skulpturenwegs »Purple Path« durch zahlreiche Orte in der näheren, zuweilen auch etwas weiteren Umgebung führt, die es zu entdecken gilt. 38 Städte und Gemeinden bilden mit Chemnitz die Kulturhauptstadtregion. Im bes­ten Fall ist die Kunst dann so gelegen wie Olaf Holzapfels großartige Installation »Zwei ineinander Gewobene« auf dem Amtsberg, die sich nur nach einer moderaten Wanderung erleben lässt. Eine herrliche Möglichkeit, neben der Kunst auch die Landschaft und die Menschen des Erzgebirges etwas näher kennenzulernen.  

Chemnitz 2025 lädt ein, allerhand Museen und Ausstellungen zu entdecken. Hier einige Tipps:
Museum Gunzenhauser in Chemnitz: »European Realities – Realismusbewegungen der 1920er und 1930er Jahre in Europa«, Ehemalige Baumwollspinnerei Zwickau: »Sonnensucher! Eine Ausstellung zu Kunst und Bergbau der Wismut«, Kunstbahnhof Flöha: »Verstrickungen: Zur Rolle des Textilen in Kunst und Gesellschaft«.
Von besonderem Reiz sind auch einige Projekte abseits der üblichen Kulturorte. Da wäre wohl vor allem das Projekt »#3000Garagen« zu nennen. Es präsentiert Chemnitzer Garagen, die größtenteils zu DDR-Zeiten kollektiv und in Eigenleistung gebaut wurden, als lebendige Archive, Kreativräume und Orte der Begegnung. In diversen Projekten werden die individuellen Geschichten der Garagennutzer*innen vor dem Hintergrund der Chemnitzer Stadtgeschichte vermittelt und kreativ verwandelt, während Feste, Workshops und Kunstaktionen die Garagenhöfe als soziokulturelle Gemeinschaftsorte aktivieren.

Oder »ChemNetz«, eine höchst informative »Stadtkarte der selbstgemachten Stadtkultur«. Sie ermöglicht Entdeckungen von über 60 Orten der freien Kultur jenseits der bekannten Kulturpfade – Veranstaltungsorte, Treffpunkte und Projekte, die durch ihre Einzigartigkeit die Stadt lebens- und bereisenswert machen. So gelangt man zum Beispiel bei einem Spaziergang zur Küchwaldwiese zum Kosmonautenzentrum »Sigmund Jähn« und steht dort unverhofft vor einer riesigen Rakete Marke Eigenbau.

Generell fällt die Bereitschaft der Chemnitzer*innen zum Engagement auf. Eigeninitiative war auch in der DDR, als die Menschen hier noch in Karl-Marx-Stadt lebten, der Schlüssel zum Wandel. Heute vernetzt man sich auch im Kampf gegen die starken rechtsextremen Strömungen. Die AfD erhielt bei den letzten Kommunalwahlen rund 24 Prozent der Stimmen.

Chemnitz ist eine lebenswerte Stadt. Das Prognos-Ranking von 2024 zählt sie zu den Top Ten in Deutschland. Es gibt hier noch jede Menge freien Wohnraum für unter fünf Euro Miete pro Quadratmeter. Sie bietet viel Grün, ein schönes Umland und zeigt mit Bands wie Kraftclub und Blond, dass sie wirklich eine City of Pop ist. Die Chemnitzer*innen freuen sich, dass mit dem Titel »Kulturhauptstadt« neue Energie hier ankommt. Schade nur, dass die lokalen Kunstszenen im Kontext Europäische Kulturhauptstadt regelmäßig übersehen werden. Mehr Sensibilität und Augenmerk bei der Kuration wären hier für alle Beteiligten von großem Mehrwert – nicht nur für die Besucher*innen. www.chemnitz2025.de

 

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