Politik & Gesellschaft

Kulturland

Jürgen Kannler
28. September 2021

Das Gaswerkquartier entwickelt sich. Eine Bestandsaufnahme von Jürgen Kannler.

Der 17. September war ein großer Tag für die Verantwortlichen des Gaswerkgeländes in Augsburg-Oberhausen. Am Vormittag war Grundsteinlegung für die Musikbox, und am Abend kam Armin Laschet. Welcher Termin historisch gesehen die größere Tragweite hat, wird sich bald zeigen.

Die letzten Monate waren arbeitsreich. Nihat Anaç ist Geschäftsbereichsleiter im »KreativWerk«. So lautet der interne Begriff für das Gaswerk bei der swa. Über den Sommer, so schätzt er, waren zwischen 15.000 und 25.000 Menschen zu Gast auf seinem Gelände. Es hat damit trotz Corona-Hürden weitere Prüfungen als Open-Air-Hotspot der Region gemeistert. Es scheint, dass am Gaswerk Platz ist für alles und jeden, vom Punkrock-Festival bis zum Streetfood-Event. Und auch der CSU-Empfang für Kanzlerkandidaten Laschet ist hier willkommen.  

Mit 50 Millionen Euro Investitionen
Ein Schlüssel zum Erfolg dieses Veranstaltungsmarathons ist die in den letzten Jahren errichtete Infrastruktur auf dem rund 70.000 Quadratmeter großen Gelände. Für diese Planungen und  Baumaßnahmen greifen die Stadtwerke Augsburg, die Besitzerin des Gaswerkareals, seit Jahren tief in ihre Tasche. Mit 50 Millionen Euro beziffert Anaç  die bisherigen Investitionen des stadteigenen Tochterbetriebs.    
      
Mit dieser Summe wurde aber nicht nur die bereits erwähnte Open-Air-Infrastruktur geschaffen, sondern einige Tausend Quadratmeter an Ateliers, Büros, Übungsräumen, Werkstätten, Theaterraum und hochwertiger Gastronomie für die Kultur- und Kreativwirtschaft unserer Region erschlossen.

Mit der Grundsteinlegung in Form einer Alubox gaben (v.li.) Kulturreferent Jürgen Enninger, Gaswerksleiter Nihat Anac (swa), Architekt Johannes Eck (Fa. Pletschacher) und swa-Geschäftsführer Alfred Müllner den Startschuss für den Bau der Musikbox auf dem Gaswerksareal.

Mit der Grundsteinlegung für die Musikbox läuft derer Countdown zur Fertigstellung der zweiten Kulturstätte auf dem Gaswerkareal an. Schon 2019 wurde das Ofenhaus seiner Bestimmung übergeben. Neben einem Restaurant bietet das prämierte Objekt mit der Brechtbühne eine Dependance des Staatstheaters Augsburg sowie zahlreiche Arbeitsräume verschiedenster Größe und Qualität, die in Teilen ebenfalls vom Staatstheater genützt werden. Der zweite Großmieter im Ofenhaus ist die Stadt Augsburg. Sie vermietet ihre Flächen über das Kulturamt an Künstler*innen weiter.

Die geschätzte Bauzeit von nur zehn Monaten für die Musikbox ist auf die Systembauweise zurückzuführen, in der der fünfstöckige Holzbau vom Architekturbüro Pletschacher konzipiert wurde. Die ersten vier Stockwerke werden, wiederum vom Kulturamt, als Übungsräume an Bands vermietet. Damit verdoppelt die Stadt ihre Angebotsflächen für Kultur auf dem Gaswerkareal auf rund 5.000 Quadratmeter.

2022 soll das Jahr der Eröffnungen werden
Die oberste Etage möchte Nihat Anaç für die Stadtwerke an Kreativwirtschaftsunternehmungen vermieten. Mit einem Mietpreis von etwa 12,50 Euro wird der Quadratmeterpreis dort rund 5 Euro teurer als in den unteren Stockwerken. Anfragen nimmt er gerne ab sofort entgegen, wie er bei unserem Gespräch erkennen ließ.

Die Entwürfe der Musikbox zeigen einen modernen Zweckbau, der die Baulücke zwischen einem historischen Rundgebäude samt Werkstattflügel und dem ebenfalls zeitgenössischen Anbaus des Ofenhauses schließen soll. Diese Freifläche entstand, nachdem die historischen und streng denkmalgeschützten östlichen Werkstätten den aufwendigen Bodensanierungsarbeiten auf dem bis tief ins Erdreich verseuchten Gelände zum Opfer gefallen waren. Es wäre spannend zu erfahren, was die verantwortlichen Denkmalschutzbehörden dazu bewog, ihre ursprüngliche Position des geforderten Nachbaus aufzugeben und so, im wahrsten Sinne des Wortes, Platz für die Musikbox zu schaffen.

Das kommende Jahr soll das Jahr der Eröffnungen auf dem Gaswerkareal werden. Nihat Anaç rechnet neben der Musikbox mit dem Abschluss der gerade noch andauernden Renovierungsarbeiten am Portalgebäude, am Apparatehaus sowie am Kühlergebäude. In Ersterem werden Räume für Kreativarbeiter*innen geschaffen, in den beiden anderen Veranstaltungsräume für bis zu 200 Personen. Im Reinigerhaus sollen, mit Baubeginn 2022, weitere 2.500 Quadratmeter Raum für Kunst- und Kreativwirtschaft geschaffen werden. Für die geplante Veranstaltungshalle in einem der
Teleskopgasbehälter könnte ebenfalls im kommenden Jahr der Startschuss zum Umbau fallen. Für dieses Projekt, das privatwirtschaftlich finanziert werden soll, läuft gegenwärtig noch die Ausschreibung. Für die kommenden Jahre sind die Stadtwerke auf der Suche nach weiteren Investoren für neu zu bauende Objekte zur kreativwirtschaftlichen Nutzung auf dem Gelände.

Als Geschäftsbereichsleiter hat Nihat Anaç beim Gaswerk ganze Arbeit geleistet, wie es scheint. Spätestens jetzt muss man jedoch darauf achten, dass das Areal nicht zu einem kreativwirtschaftlichen Gewerbegebiet mit Amüsiermeile verkommt. Pläne für die Ansiedlung namhafter Kultureinrichtungen hat das Gaswerk derzeit nicht anzubieten. Im Gegenteil, der bisher einzige größere Mieter mit überregionaler Strahlkraft ist das Staatstheater Augsburg, und das möchte seine Interimsspielstätte im Quartier lieber heute als morgen verlassen, um zurück in die Stadtmitte zu ziehen. Dem steht bisher jedoch der schleppende Neubau des eigenen Hauses im Wege.

Diese wenig attraktive Situation ist wohl mit ein Grund, warum die Stadtwerke nun endlich bereit sind, eine Art Kreativdirektorium für das Gawerk-areal zu suchen. Die Ausschreibung liegt seit August vor. Mit der Expert*innensuche wurde die Personalberatung Kulturexperten aus Essen mit ihrem Geschäftsführer und laut Selbstauskunft kulturellem Vordenker und Kulturexperten Oliver Scheytt  betraut. Bewerbungen können bis zum 3. Oktober, Tag der Deutschen Einheit, bei ihm abgegeben werden.         

Gaswerkgeschichte

1916 »neues« Gaswerk wird in Betrieb genommen. 1954 wird der Bau des großen Scheibengasbehälters abgeschlossen. Bis 1968 wird im Gaswerk Stadtgas aus Kohle hergestellt. Für die Umstellung von Stadt- auf Erdgas wird von 1963 bis 1978 eine Erdgas-Spaltanlage betrieben. 1978 wird Augsburg (nur noch) mit Erdgas versorgt. Bis 2001 dient die Gasbehälter zur Spitzengasspeicherung. Seit 2001 ist das Gaswerk stillgelegt.

2005 und 2006 feiert Augsburg das Musikevent Popcity. 2011 bis 2014 bringt das Grenzenlos-Festival Kunst und Kultur auf das Gelände. 2014 beschließt der Kulturausschuss die »Zukunftswerkstatt Gaswerk«, die noch im selben Jahr durchgeführt wird. 2014/2015 zeigt der katalanische Künstler Jaume Plensa seine eigens für den Gaskessel konzipierte Installation »The Secret Heart/Das Geheimherz«. Zum 100-Jährigen Geburtstag des Gaswerks 2015/2016 feiern die swa das Industriedenkmal mit dem Festival »Asche zu Farbgut«. Nach zwei Jahren Bauzeit findet 2019 die erste Aufführung in der neuen brechtbühne im Ofenhaus statt, Atelier- und Proberaumflächen sowie Gewerbeeinheiten entstehen. Das Modular Festival wird erstmals das Gelände bespielen.

Lesen Sie dazu auch unser Interview »Oberster Gaswerker« mit Alfred Müllner, Geschäftsführer der Stadtwerke Augsburg: https://a3kultur.de/positionen/oberster-gaswerker

Zudem traf a3kultur-Chefredakteur Jürgen Kannler den Augsburger Kulturreferenten Jürgen Enninger und dem Kulturpark-West-Geschäftsführer Peter Bommas zum Gespräch.
Das Interview erscheint auch demnächst online!

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