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Kunst braucht Freiheit

Florian Freund im Verwaltungszentrum © a3kultur / kaj
a3kultur-Redaktion

Seit 4. Mai im Amt. A3kultur im Gespräch mit Florian Freund, dem neuen Oberbürgermeister von Augsburg. Ein Interview von Jürgen Kannler.

Sie kokettierten zuweilen damit, mit Kunst und Kultur nicht allzu viel am Hut zu haben. Nicht gerade passend für einen Mann, der nun OB in Augsburg ist – oder?

Was heißt, ich kokettierte damit? Kultur hat mich immer begleitet. Jeder Mensch hat Kulturbezug. Ja, ich kokettiere damit, dass ich kein Fachmann bin, dass ich mich nie mit Kulturpolitik beschäftigt habe, weil ich bei Kulturpolitik jetzt nicht in die Tiefen einsteige. Das heißt nicht, dass ich Kultur nicht wichtig finde und ihre Bedeutung für die Gesellschaft nicht würdige.

Wird man Sie nun trotzdem öfters mal bei Vernissagen, Premieren und Festivaleröffnungen sehen?

Ich denke ja. Erst gestern war ich im Staatstheater.

So, was gab es denn?

Das Stück heißt »Für Euch« und lief im Kühlerhaus auf dem Gaswerkgelände.

Und wie hat es Ihnen gefallen?

Sehr gut. Es war spannend zu sehen, wie ein Mensch seinen Weg über die Grenzen seines Milieus macht. Allen Widrigkeiten zum Trotz.

Eigentlich genau der richtige Stoff für einen Sozialdemokraten. Hat Sie das Thema angerührt?

Ja, tatsächlich. Tränen im Augenwinkel hatte ich nicht, aber der Abend war schon emotional.
Meine Frau und ich kommen ja aus ähnlich einfachen Verhältnissen. Meine Mutter hat sich um uns drei Kinder und den Haushalt gekümmert und mein Vater war Handwerker. Die Eltern meiner Frau waren Zahnarzthelferin und Beamter. Sie wuchs bei der Mutter auf. Es war nicht vorgezeichnet, dass wir diesen Weg gehen.

Glauben Sie, dass Glück im Leben ein entscheidender Faktor ist?

Ich glaube, dass Glück ganz entscheidend ist und dass es ganz entscheidend ist, in welche Familie du hineingeboren wirst. Ich bin dankbar, dass ich bei der Geburtslotterie Eltern gezogen habe, die sich immer gekümmert haben. Ich glaube aber auch, dass der alte Spruch stimmt: »Das Glück ist nur mit dem Fleißigen.« Mir sind in meinem Leben immer wieder auch Förderer begegnet, die mir wirklich geholfen haben. Es war jedoch Hilfe zur Selbsthilfe. Es braucht immer auch eigenen Anspruch und Antrieb.

Sie ziehen viel Kraft aus dem Privatleben. Welche Parallelen gibt es eigentlich zwischen Familie und Stadtverwaltung?

Ich glaube, fast alle menschlichen Beziehungen basieren auf Respekt und Vertrauen, das gilt im Privaten wie für die Stadtgesellschaft.

Das Vertrauen ist ja erst ausgesprochen worden.

Nicht von allen, das gehört zur Wahrheit dazu.

Aber von der Mehrheit.

Das stimmt und ich werde es nicht vergessen. Politik muss ein Vorbild an Haltung und Pflichterfüllung sein. Ich weiß, dass das ein hoher Anspruch ist. Aber nur dadurch können Vertrauen und Respekt auch wachsen.

 

Es war nicht vorgezeichnet, dass wir diesen Weg gehen.

Stadttheater, Katharinenkirche, Galerie im Höhmannhaus, Freilichtbühne, Römisches Museum … Die Innenstadt von Augsburg zählt seit Jahren mehr geschlossene als geöffnete Kulturorte. Wie bringt Ihre Regierung wieder kulturelles Leben in die Innenstadt?

In sechs Jahren ist das Staatstheater eröffnet und die Fuggerpromenade fertig. Davon verspreche ich mir auf jeden Fall einen riesigen Impuls. Und ich halte im Übrigen auch dezentrale Angebote für richtig. Ich halte das für spannend, neue Nutzergruppen zu erschließen.

Ist das auch ein Aufruf an die Unternehmen der Region, sich stärker in der Kunstförderung zu engagieren? Die Kulturszene steht in dem Punkt bestimmt hinter Ihnen.

Das ist eine Einladung zur gemeinsamen Weiterentwicklung. Denn wir sehen ja in Augsburg schon heute ein bemerkenswertes Engagement vieler Unternehmen für Kunst und Kultur. Die Stadtsparkasse Augsburg ist das beste Beispiel dafür, auch viele mittelständische Unternehmen und regionale Marken tragen ganz konkret und vielerorts dazu bei, dass künstlerische Arbeit überhaupt stattfinden kann. Ob bei Projektförderungen in der freien Szene oder Sponsoring von Festivals. Das zeigt, dass Verantwortung für das kulturelle Leben in dieser Stadt schon ernst genommen wird.

Und das ist auch wichtig, denn Kunst und Kultur sind keine »nice-to-have«-Bereiche. Sie sind ein zentraler Bestandteil dessen, was eine Stadt lebendig, attraktiv und zukunftsfähig macht. Sie sind auch ein echter Standortfaktor. Gleichzeitig glaube ich, dass hier noch Potenzial liegt. Das kann für beide Seiten sehr bereichernd sein.

Für das Römische Museum steht seit einigen Monaten ein neuer Standort zur Debatte. Der Kulturchef in Kempten sagte dazu sinngemäß: Wir sind eine Römerstadt und Augsburg macht Nutzungskonzepte. Wie stehen Sie zu dem Thema?

Beim Römischen Museum ist es wichtig, dass es kommt. Auch für das Selbstverständnis unserer Stadt. Wenn ich mir andere Städte anschaue, wie zum Beispiel meine alte Heimat Würzburg, sehe ich, dass diese ihre kulturellen Angebote besser inszeniert und vernetzt haben.
Und ich glaube, dass wir Stadtmarketing, Welterbe, Einkaufsdestination, Gastronomie, FCA, Kongresse und Kultur stärker zusammendenken müssen. Dabei spielt Kultur natürlich eine zentrale Rolle für die Innenstadt.

Götz Beck, Chef der Regio Augsburg Tourismus, geht im Laufe des Jahres in den Ruhestand. Wäre das nicht ein guter Anlass, eine Neustrukturierung von Wirtschaftsförderung, Tourismus und Stadtmarketing vorzunehmen? Das Beispiel Allgäu GmbH zeigt ja, wie so eine Struktur erfolgreich umgesetzt werden kann.

Ich kenne die Allgäu GmbH aus meiner früheren beruflichen Tätigkeit. Ich durfte einen Teil der Markenentwicklung auch begleiten. Die haben da etwas geschaffen, was wirklich beachtenswert ist.

Ist das ein mögliches Vorbild für unsere Region?

Das ist einer der Gründe, warum ich die Wirtschaftsförderung ins OB-Referat geholt habe. Wir müssen uns Gedanken sowohl über Parallelstrukturen als auch mögliche Effizienzgewinne machen.

Das wird eine der wesentlichen Aufgaben sein, die das neue Wirtschaftsdirektorium dann hier im OB-Referat zu erfüllen hat. Das hat in der Tat auch immer mit den handelnden Personen zu tun. Ich bitte aber um Verständnis, dass ich da jetzt nicht vorgreifen möchte.

Werden bei dieser Umstrukturierung mehr Frauen in Verantwortung gelangen? Ihre bisherige Führungsriege ist fast eine rein männliche.

Ich finde die aktuelle politische Debatte im Grundsatz richtig und wichtig. Das ist aber nichts, was wir uns ausgesucht haben. Es ist ja nicht so, dass es hier eine Reihe von Kandidatinnen gab, die trotz guter Qualifizierung zugunsten von Männern übergangen wurden. Das Thema wird in Augsburg gerade eher instrumentalisiert. Das zeigt sich tragischerweise an der Debatte um meine SPD-Kollegin Tatjana Dörfler. Wenn es um Machtverlust geht, greifen ausgerechnet die, die sonst am lautesten in diesem Punkt kritisieren, die einzige Frau an, die sich bislang für eine Referatsleitung zur Verfügung gestellt hat. Das widerspricht sich gewaltig. Und wir haben nach wie vor die Chance, zwei weitere Posten mit Frauen zu besetzen: die Leitung des Stadtentwicklungsreferats und die Leitung des Wirtschaftsdirektoriums.

Politische Grenzen zwischen Augsburg und den benachbarten Städten spielen im Alltag der Menschen eine untergeordnete Rolle. Das wird in der Tagespolitik kaum deutlich. Welche Möglichkeiten kann es geben, stärker zusammenzuarbeiten?

Also, nur um es deutlich zu sagen: Die Auflösung von Rathäusern steht überhaupt nicht zur Debatte. Aber die Zusammenarbeit mit dem Umland muss sich intensivieren. Die Probleme in Ansiedlungspolitik und Wohnungsmangel können wir nur gemeinsam lösen.

 

Kunst und Kultur sind keine »nice-to-have«-Bereiche

Die designierte Referentin für Bildung, Kultur und Welterbe wird von Teilen der Kulturmacher*innen nicht gerade mit offenen Armen empfangen. Was sagen Sie diesen Menschen?

Aus dieser Reaktion spricht die Sorge vor Veränderung. Um es jetzt mal nicht an Tatjana Dörfler, sondern an mir zu diskutieren: Die Tatsache, dass ich zum Oberbürgermeister gewählt worden bin, sorgt natürlich auch für Verunsicherung im Hinblick auf meine Wahlkampfaussagen. Vor allem in den Verwaltungsbereichen, die mit dem direkten Amt zusammenhängen.

Wie holt der neue OB diese Mitarbeiter*innen ab?

Man muss mit ihnen sprechen. Ich war zum Beispiel ein paar Tage nach Amtsantritt in der Hauptabteilung Kommunikation und habe versucht, die Angst vor zügelloser Disruption zu nehmen. Wir haben im Wahlkampf angekündigt, dass wir Ämter umstrukturieren, dass wir Referate neu gliedern wollen, dass die Wirtschaftsförderung ins OB-Referat kommt. Das sind alles Dinge, die bei denen, die es betrifft, für Verunsicherung sorgen, weil sie die Prozesse, die dahinterstehen, nicht kennen, weil sie mich nicht kennen.

Auch viele Akteur*innen aus Kunst und Kultur scheinen diese Angst zu haben und haben sich öffentlich für ein »Weiter so« in der Kulturpolitik ausgesprochen.

Der bisherige Sport- und Kulturreferent Jürgen Enninger hatte einen sehr starken Fokus auf Kultur und dort ein sehr starkes Netzwerk aufgebaut. Das ist gut angenommen worden. Wenn man jedoch die harten Zahlen seiner Amtszeit betrachtet, ist seine Erfolgsbilanz zu hinterfragen.
Es ist ja nicht der Fall gewesen, dass er nennenswert neue Mittel für die Kultur realisiert hat. Er hat auch nicht das Augsburger Kulturleben neu aufgestellt. Es ist ja nicht so, dass da eine unglaubliche Dynamik reingekommen wäre.
Was er geschafft hat, und das muss man neidlos anerkennen, ist, ein gutes Netzwerk zu bilden und alte Gräben geschlossen zu haben. Und das, glaube ich, ist honoriert worden.

Augsburg hat in den letzten Jahren viele bedeutende Kulturorte verloren. Freilichtbühne, Galerie im Höhmannhaus, die Katharinenkirche mit den Werken von Dürer und Cranach. Am Stadttheater wird seit 10 Jahren gebaut. Das Römische Museum ist seit 2012 geschlossen. Gleichzeitig wurde ein millionenschwerer Mietvertrag im Glaspalast verlängert, ohne den dortigen städtischen Kunsthallen eine zeitgemäße Infrastruktur zuzugestehen. Jan Wilms muss das Haus mit weniger als 40 000 Euro jährlichem Projektetat bespielen. Ein Ding der Unmöglichkeit, wenn man ein attraktives Programm bieten möchte. Hier findet eine Umverteilung von Mitteln aus dem Kulturetat hin zu Immobilienbesitzern statt. Was kann Tatjana Dörfler an dieser Situation ändern?

Sie ist eine Kämpferin für kulturelle Belange, auch gegenüber dem Oberbürgermeister. Das durfte ich bereits spüren. Die Leute kennen sie nicht als Kultur- und Bildungsreferentin. Die Skepsis ihr gegenüber ist ein Ausdruck von Verunsicherung. Und ich kann an der Stelle nur sagen: Der Auftritt, den Tatjana Dörfler im Stadtrat in der konstituierenden Sitzung hingelegt hat, war aus meiner Sicht bemerkenswert. Er hat gezeigt, dass sie einen messerscharfen Verstand hat, dass sie ein tiefes Verständnis von Kultur und Bildung hat und dass sie auch Gefühl dafür hat, worauf es in den jeweiligen Bereichen ankommt.

Warum legt Ihre Regierung Bildung und Kultur zusammen?

Weil es zusammenhängt. Bildung ermöglicht Teilhabe, Kultur auch.

In Berlin liegt die Verantwortung für die Kultur nun beim Wirtschaftssenator.

Warum auch nicht? Diese Bereiche haben sehr viele Berührungspunkte. Der wirtschaftliche Impact von Kultur ist an vielen Stellen sehr groß. Ich weiß nicht, ob er generell unterschätzt wird. Ich glaube aber, er ist manchmal nicht so gut messbar.

Die Erinnerungskultur war bisher im OB-Referat angesiedelt. Sie wandert, statt zur Kultur, zum ehemaligen Sozialreferenten Martin Schenkelberg, der nun für Gesundheit, Pflege, Integration und Gesellschaft verantwortlich ist.
An Themen im Kontext Erinnerungskultur herrscht kein Mangel in Augsburg. Der Umgang mit ihr erfordert Sensibilität.
Da wären zum Beispiel die Replikagemälde im derzeit geschlossenen Goldenen Saal wurden von SS-Günstling und Adolf-Hitler-Liebling Oskar Martin-Amorbach geschaffen.
Oder das Stadttheater, das in seiner wieder angestrebten Anmutung nichts anderes als ein Nazibau von Hermann Giesler ist, der auch als Architekt der NS-Ordensburg in Sonthofen berüchtigt wurde.
Beiden Orten haftet damit der Geist des Faschismus an. An keinem der beiden Orte wird diese Geschichte sichtbar.
Wie reagiert der SPD-Mann Florian Freund auf dieses Versagen der Stadt Augsburg in Bezug auf ihre braune Vergangenheit?

Man muss verantwortungsvoller als bisher mit dem Thema umgehen. Die NS-Werkanteile im Goldenen Saal sind bis heute unkommentiert präsent. Das stimmt. Ich glaube, es ist sinnvoll, dass man das im Stadtrat diskutiert und dabei die Frage stellt, wie man diese Geschichte kontextualisiert. Ohne Historiker zu sein, ist das auch eine höchst spannende Geschichte für mich. Amorbach war bereits 1937 NSDAP-Mitglied. Nach 1945 war das kurz belastend. Ab den 50er Jahren hat er dann Kirchenaufträge bekommen und einige Jahre später den Zuschlag für das Augsburger Rathaus.

Da hat das braune Netzwerk auch in Augsburg wieder funktioniert.

Deswegen waren ja Studentenproteste in den 60er Jahren so wichtig, deswegen war Willy Brandt so wichtig. Damit diese Struktur aufgebrochen werden konnte.

Dann liegt es doch in der Verantwortung der heute Regierenden, diese Arbeit fortzusetzen. Dem Nazi-Schick am Kennedyplatz setzt die Stadt jedoch nichts entgegen. Wo bleibt das architektonische Statement gegen rechts? Wo bleibt die politische Diskussion zum Thema?

Vielleicht hätten wir das in der Vergangenheit stärker thematisieren müssen. Das stimmt. Wir haben beim Stadttheaterumbau im Wesentlichen über die Kosten diskutiert. Wir haben nie über Architektur an sich gesprochen. Das Theater in Augsburg war ein zentrales Prestigeprojekt der Nationalsozialisten. Sie haben es von 1937 bis 1939 in dieser, auf das Römische Reich bezugnehmenden Architektur umgebaut.

Und im Sheridan-Casino findet man im Keller sogar noch das Hakenkreuz an der Decke.

Das wusste ich gar nicht. In diesen Keller durfte ich bisher noch nie.

Was geschieht denn nun mit dem architektonischen Erbe aus der NS-Zeit in Augsburg?

Kontextualisierung ist wichtig, erinnern statt wegreißen. Das wäre, glaube ich, der richtige Ansatz. Man muss immer wieder vermitteln, damit sich Menschen erinnern können. Und deswegen halte ich es für wichtig, dass man sichtbar macht, was war.
Kunst und Kultur brauchen Freiheit. Die SPD hat diesen Ansatz immer verteidigt und Angriffe darauf kritisch begleitet. Beispielsweise, als das Programm des Friedensfestes zu stark von der Politik kuratiert wurde. Kunst und Kultur müssen ihre Freiheit behalten. Auch wenn die Ergebnisse mir persönlich nicht immer gefallen. Solange sie auf dem Boden der demokratisch-freiheitlichen Grundordnung stehen, hat Kunst volle Freiheit.

Bleiben wir noch kurz beim Staatstheater-Neubau. Im Sommer werden die neuen Zahlen im Kontext Baukosten und Zeitplan erwartet. Wie viel Spielraum hat Baureferent Steffen Kercher noch nach oben? Er ist ja, neben Roland Barth, der einzige Referent, der im Amt geblieben ist.

Als ich gehört habe, dass wir eine neue Kostenberechnung machen, habe ich eine gewisse Alarmierung verspürt und deswegen intensiv nachgefragt. Insbesondere was das Bauteil 2 angeht, sagt man mir, dass wir in einem Kostenrahmen bleiben. Was das Bauteil 1 angeht, habe ich diese Aussage noch nicht gehört, aber auch da sei man optimistisch. Man muss irgendwann zum Punkt kommen. 

Weil jede Alternative für Sie im Moment schlechter ist?

Da gibt es eine Definition, die ich von Karl-Heinz Schneider einmal gehört habe und die mir gut gefallen hat: Politik heißt, auf Basis von Informationen Entscheidungen zu treffen. Und so gut wie deine Informationen sind, sind möglicherweise die Entscheidungen. Manchmal haben wir diese guten Informationen. Aber leider nicht immer.

 

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