Kunst braucht Raum

2. Oktober 2013 - 0:00 | Jürgen Kannler

Die Kultur- und Kreativwirtschaft braucht zur Umsetzung ihrer Projekte Kreativquartiere: bezahlbare Ateliers, Werksätten, Büros und Hallen. Die Stadt kann ihr keine Angebote machen, private Anbieter entdecken einen Markt - allen voran die gemeinnützige Kulturpark West GmbH. Eine Wahlprüfstein-Reportage von Jürgen Kannler

Juliane Votteler genießt Achtung in unserer Stadt. Wenn die Intendantin des Stadttheaters etwas zu sagen hat, dann findet sie Gehör. Zum fünften Geburtstag der gemeinnützigen Kulturpark West GmbH sprach sie im Biergarten der Rockerkneipe Bombig, mitten im Kulturpark West (KPW), die Laudatio. Ob Premierenfeiern, Kulturausschuss, Opernball, ich hatte in den vergangenen Jahren immer wieder die Gelegenheit, ihren Ansprachen beizuwohnen. Doch diese hier war anders. An den Themen ihres Textes lag es nicht. Sie sprach wie schon bei anderen Anlässen vom Miteinander der Szenen und von der besonderen Verantwortung der Politik, aber auch jedes Einzelnen, wenn es darum geht, an unserer kulturellen Gegenwart und Zukunft zu bauen. Gut gelaunt und souverän setzte sie auch diesmal Zitate, die den wenigsten der Anwesenden geläufig waren und dadurch doppelt Wirkung zeigten. Und sie pointierte ihren Text so lebendig, wie es wohl nur Menschen mit einem ordentlichen Schuss Theaterblut vermögen.

Das Besondere an diesem Abend war: Juliane Votteler hatte ihr ureigenes Metier verlassen und fühlte sich dennoch zu Hause. Zwischen all den Kreativen, die aus den Kulturparks dieser Stadt heraus ihre Projekte in Ateliers, Werkstätten, Büros oder Hallen vorantreiben, fühlte sich die Chefin der wichtigsten Kultureinrichtung unserer Region sichtlich wohl. Es war ein Treffen auf Augenhöhe. Hier das Stadttheater und dort die Kulturpark West GmbH, die seit fünf Jahren der Augsburger Kultur- und Kreativwirtschaft bezahlbare Räume für ihre Projekte erschließt.

Wo die Politik von freiwilligen Zusatzleistungen redet, sprechen Kreative von Hohn und organisieren Widerstand

In dieser Zeit hat langsam, aber sicher ein längst überfälliger Paradigmenwechsel stattgefunden. Die freien Szenen werden nicht mehr übersehen, wenn von offizieller Seite über Kultur gesprochen wird. Ihre Protagonisten haben sich mit zahllosen Projekten und nicht zuletzt durch ihren langen Atem fast schon die Aufmerksamkeit erarbeitet, die ihnen zusteht. Gleichzeitig sind die Vertreter dieser Szenen selbstbewusster geworden. Sie organisieren sich in freien Strukturen wie dem Kulturrat oder in Wahlvereinigungen wie der Polit-WG. Sie sind gut informiert, ergreifen das Wort und fordern ohne Zögern ihr Stück vom Kuchen, wenn es darum geht, Etats zu verteilen.

Im Gegensatz zu vielen ihrer etablierten Kollegen haben sie dabei weniger den sowieso zu schwachbrüstigen Kulturetat der Stadt im Auge. Sie fordern ein generelles Umdenken, auch bei Verteilungsfragen. Wo die Politik von freiwilligen Zusatzleistungen redet, sprechen sie von Hohn und organisieren Widerstand. Wer diese Klientel gegen sich auf bringt, so schwant es manchem Kommunalwahlkämpfer, der könnte in einigen Monaten sein blaues Wunder erleben. Mangels Masse werden die Kreativen zwar keine Wahl gewinnen, dank ihrer Kreativität und der Fähigkeit, sich zu mobilisieren, können sie jedoch eine Wahl entscheiden. Und das nicht zuletzt in einer Parteienlandschaft, die so gespalten ist wie in Augsburg und wo Mehrheiten oft genug nur noch über Gefälligkeiten gegenüber einzelnen Stadträten organisiert werden können.

Mangels Masse werden die Kreativen zwar keine Wahl gewinnen, dank ihres Potenzials und der Fähigkeit, sich zu mobilisieren, können sie jedoch eine Wahl entscheiden

Nun ist diese Entwicklung hin zur Politisierung der Kreativen und hin zur gelebten Demokratie natürlich keine Erfindung der KPW-Geschäftsführer Thomas Lindner und Peter Bommas. Dieser Prozess ist ein globales Phänomen und hat seine Wurzeln in der Post- Hippie- und Punkkultur und gewiss auch in den neuen Möglichkeiten einer online vernetzten Welt. Lindner und Bommas verstehen sich demnach auch nicht als Sprachrohr ihrer Mieter, unterstützen jedoch immer wieder Initiativen aus deren Reihen und tragen allein schon damit zum oben beschriebenen Prozess bei. Gezielt und nicht ganz ungeschickt betreiben der Rocker und der Altlinke damit auch Lobbyarbeit in eigener Sache.

Auch vor KPW-Zeiten gab es schon Vermieter, die sich nicht zu schade waren, Übungsräume an Bands, Studios an Künstler und bezahlbare Büros an Kreativunternehmen zu vermieten. Einer der größten davon war zum Beispiel die Stadt mit dem alten Hauptkrankenhaus. Zumindest ehe die damalige Regenbogenregierung den Plan fasste, die 4.000 Quadratmeter soziokulturelles Zentrum in bester Lage an den Meistbietenden zu verscherbeln. Andere Anlaufstellen für Kultur- und Kreativwirtschaftler waren oder sind der Martinipark, die ehemalige Kammgarnspinnerei, der Riedingerpark oder die alten Kellerfluchten unter den Häusern am Kitzenmarkt. Hier probten übrigens auch die KuKi- (Kultur am Kitzenmarkt-)Bands, ehe sie im KPW neue Räume und eine Zukunft für heute rund 1.200 Musiker fanden. Der Unterschied zu diesen Vermietern besteht darin, dass die KPW-Macher nicht nur auf die Miete ihrer Klientel aus sind, sondern sich über ihre Art der Dienstleistung sehr wohl als Teil der Szenen verstehen und von ihnen wesentliche Impulse ausgehen. So eröffneten sie, nachdem die Stadt ihr gerade eben eingerichtetes Popbüro wieder verwaisen ließ, ein Pop Office, arbeiten mit dem Wirtschaftsreferat an einem Konzept, um Leerstände in Gewerbeimmobilien Kreativen zugänglich zu machen, und bringen sich bei der IHK als mögliche Macher eines Kompetenzzentrums Kultur- und Kreativwirtschaft ins Spiel.

Die wirtschaftliche Bedeutung und das volle Potenzial ihrer Arbeit haben die KPW-Macher ebenso wie viele andere auch wohl erst im Lauf der Zeit erkannt. Kapital und Sicherheit sind ihnen nicht zuletzt die ellenlangen Wartelisten, auf die sich Kreative setzen lassen müssen, wenn sie einen Platz in den Kulturparks bekommen wollen. Und das, obwohl die zur Vermietung durch den KPW stehenden Quadratmeter sich von 2008 bis heute auf gut 7.000 fast verdoppelt haben. Die Nachfrage und die damit einhergehende wirtschaftliche Perspektive gehen Hand in Hand mit der Bedeutung, die ihre Arbeit für die Boombranche Kultur- und Kreativwirtschaft hat.

Politisch ist die KPW-Idee, zumindest nach offizieller Lesart, unumstritten. Das Projekt läuft erfolgreich und kommt 2014 mit einem städtischen Zuschuss von nur noch 30.000 Euro aus. Überregional findet das Bottom-up-Konzept große Beachtung, sein Vorbildcharakter wurde mehrfach gewürdigt. Also lag es nahe, dass Baureferent Gerd Merkle vor geraumer Zeit das seit Langem weitgehend brachliegende Gaswerkgelände in Augsburg-Oberhausen als Standortalternative für die KPW-Urzelle auf dem Gelände der ehemaligen Reesekaserne ins Spiel brachte. Dieses Areal will die Stadt spätestens 2017 zur Nutzung an diverse Bauträger freigeben. Noch ist ungewiss, ob die Stadt mit diesem Plan durchkommt. Immer lauter wird die Forderung nach Kreativquartieren sowohl im KPW als auch auf dem Gaswerkgelände statt des drohenden Entweder-oder. Die Stadtwerke als Hausherr des Gaswerkgeländes fanden Gefallen an der Idee, und nach kurzer Anlaufzeit setzte der Geschäftsführer des stadteigenen Unternehmens, Dr. Claus Gebhardt, nun mehrfach öffentlich auf die Kulturpark West gGmbH als zukünftigen Partner, um das wertvolle, aber schwer nutzbare Problemareal in die Zukunft zu führen. Zurzeit arbeiten holländische Spezialisten an der im Sommer in Auftrag gegebenen Machbarkeitsstudie für dieses Projekt. Erste Ergebnisse sind für den späten Herbst zu erwarten. Um diese Keimzelle, rund 8.000 Quadratmeter sind als Fläche für den KPW im Gespräch, könnten sich dann mehrere weitere Entwicklungsringe für kulturaffine Gewerbetreibende wie Werbeagenturen, Liveclubs oder Märkte für Künstlerbedarf legen.

Kritik am KPW-Konzept kam in der Vergangenheit im Wesentlichen von Leuten, denen man durchaus unterstellen kann, selbst gern am Geschäft mit der Vermietung von Übungsräumen und Ateliers mitmischen zu wollen

Sei es der nach einem Finanzskandal zurückgetretene ehemalige SJR-Chef Raphael Brandmiller oder Richard Goerlich, der sein Amt als Popbeauftragter im Stich ließ, um eine Dienstleistungsagentur für die Kultur- und Kreativwirtschaft zu gründen. Zurzeit ist der Unternehmer, wie schon vor sechs Jahren, als Wahlkampfhelfer für das CSU-Team um Kurt Gribl tätig. Auch Kulturreferent Peter Grab galt lange Zeit nicht als ausgemachter Freund der KPW-Idee. Der Pro-Augsburg-Mann forderte von der Kulturpark West GmbH mehr Mitspracherecht, lief mit seinem Ansinnen allerdings ins Leere. Heute ist er froh, mit Lindner und Bommas kompetente Ansprechpartner zu haben. Nicht zuletzt dann, wenn sich – wie vor Kurzem geschehen – 20 Bands bei ihm melden und neue Übungsräume fordern, nachdem sie vom Vermieter des Fabrikschlosses vor die Tür gesetzt worden waren.

Dieser Fall zeigt exemplarisch, dass der Markt für bezahlbare Kultur- und Kreativwirtschaftsräume in unserer Region noch längst nicht erschöpft ist. Er bietet für kreative Dienstleister jede Menge Raum, sich mit ihren Ideen zu entfalten. Allein auf dem Riedingergelände sollen in den kommenden Jahren mehrere Tausend Quadratmeter dieser Nutzung zugeführt werden. Nun ist die Stadt gefordert, diesen Projektentwicklern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Denn eines ist klar: Kunst braucht Raum und alle brauchen die Kunst! (Jürgen Kannler)

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