Tanz

Leben, im Innersten

Old Land Grey Zone © Jan-Pieter Fuhr

Die Augsburger Ballettcompagnie trifft zur Saisoneröffnung mit »Old Land / Grey Zone« mitten ins Herz.

Auf der dämmrigen Bühne erhebt sich im Hintergrund ein älteres blau gekleidetes Paar (Gabriela Finardi und David Nigro) vom Küchentisch, ihre lang ausgetanzten klassischen Bewegungslinien stehen für ihr Leben, bürgerlich und sich selbst genug. Ein zweites Paar (Soyoko Iwata und Alfonso López), ebenfalls nicht mehr jung, kommt hinzu, diesmal in Rot. Hier wird es schnell und abrupt: Mehr vom Leben, es soll noch nicht vorbei sein. Das dritte Paar (Martina Piacentino und Alfonso Pereira), das sich in seinen braunen Kleidern kaum von der Umgebung abhebt, schlurft gebeugt über die Bühne, ihr Tanz jedoch wird überraschend kräftig und volkstümlich. Bei aller Unterschiedlichkeit eint diese drei Paare eine gewisse Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit. Doch sobald die sechs Menschen ihre eigenen Kokons verlassen, sich auf die anderen einlassen, entwickelt sich eine Kommunikation der Körper und Ideen, tänzerisches Nachdenken und Nachspüren von Lebensentwürfen. Die eigene Endlichkeit wird bei aller aufkeimenden Zuversicht nicht ausgespart, am Ende fehlt jemand … »Old Land«, vom Choreografen-Duo Riva & Repele entwickelt, spielt nicht nur mit gewissen Paar-Sterotypen, sondern auch mit dem Reiz des Kontrastes der alten Gesichter und der matt-müden Farben (Kostüme und Bühne: Louise Flanagan, Felix Weinold) mit den energetisch athletischen Bewegungen der jungen (!) Tänzer*innen. Wehmut …

Das zweite Stück, »Grey Zone«, choreografiert von Antonio Ruz, spielt in einer grauen Box, markiert durch zwei leuchtende Rahmen, einer auf dem Boden, einer als Decke (Bühne: Felix Weinold). In diesem Setting agieren die 17 Tänzer*innen in ständig wechselnden Konstellationen. Trotz des gemeinsamen grauen Farb-Nenners, haben wir höchst individuelle Wesen vor uns, matt und glänzend, dicht oder transparent, Pailletten und Federartiges, weit und eng. Irgendwann werden diese Gewänder aber abgelegt, übrig bleiben simple Trikots. Die Kostüme von Louise Flanagan machen deutlich: grau ist die ideale Farbe, um das Zusammenspiel verschiedenartiger Menschen zum Leuchten zu bringen. Hier prallen Aggression und Harmonie bewegt aufeinander, verschränken sich, stoßen einander ab. Allein, zu dritt, vor allem im Duett, werden atemlos und immer in Bewegung Beziehungen verhandelt. Wir sind Individuum und Gemeinschaft, abwechselnd, aber auch zugleich: Schließlich finden sich dann alle Akteur*innen zu einem großen bewegten atmenden Organismus zusammen. Das ist aufregend, anrührend, teilt sich unmittelbar mit, trifft ins Innerste! Großer Applaus.

Wermutstropfen: Für die Vorstellung am 10. Dezember gibt es noch Karten, ansonsten ausverkauftes Haus …

www.staatstheater-augsburg.de

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