Liebe, Korruption und Wohnungsnot
Im Martini-Park spielt das Staatstheater Augsburg die musikalische Satire »Moskau, Tscherjomuschki« von Dmitri Schostakowitsch.
Die Operette des russischen Komponisten wurde am 24. November 1959 uraufgeführt, in der chruschtschowschen Tauwetterperiode. Doch die Maßregelungen der Stalinzeit steckten Schostakowitsch noch in den Knochen und in der Seele.
Mit bemerkenswertem Humor werden wiederholt Missstände in der Moskauer Trabantenstadt angeprangert, Liebeshändel verhandelt, Enttäuschungen und Lernprozesse geschildert. Im Plattenbau sollen vor allem ärmere Menschen ein neues Zuhause finden. Die Schlüssel werden aber zurückgehalten, das habe der Stadtrat so beschlossen. Ein strammer Funktionär mit einer Dame im Nerz bekommt eine Doppelwohnung, ein Ehepaar geht leer aus. Der Traum vom Eigenheim zerplatzt für etliche. Vieles funktioniert nicht, es fehlt auch ein Supermarkt: kein »Paradies für den freien Geist«, sondern: »In einem totalitären Staat hat der Mensch keine Bedeutung.«
Zunehmend verwandeln die Menschen ihren Frust in Wut, Fantasie und Aktivität. Verwalter und Funktionär werden verjagt und die Reise ins Grüne gespielt. Auch wenn die Spieler*innen danach wieder in der Wirklichkeit landen, bleiben Hoffnung und neuer Zusammenhalt.
Trotz des Tauwetters sind Kritik und Ironie auch nach Stalin nicht ungefährlich. Aber das Publikum der Uraufführung im Moskauer Operettentheater war 1959 begeistert.
Die Augsburger Inszenierung durch Corinna von Rad holt die Satire auch in unsere Gegenwart. Es wird viel getanzt, der Chor spielt eine tragende Rolle mit Volksweisen und Kommentaren. Dialoge werden gesprochen, hin und wieder Videos behutsam eingesetzt. In Augsburg gibt es eine zahlreiche russische Bevölkerung, die unter anderem durch russische Übertitel bedient wird.
Paare vor allem prägen das Geschehen. Olena Sloia als Ljusja schwenkt die rote Fahne, um das Projekt voranzubringen, scheint aber skeptisch zu sein und ist einsam und deprimiert. Sie und ihr Schwarm Boris (Wiard Witholt) kommen erst spät zusammen. Alejandro Marco-Buhrmester (Sascha) und Natalya Boeva (Mascha) singen und spielen beeindruckend das Ehepaar, das keine gemeinsame Wohnung bekommt und sich im Museum trifft.
Dirigent Ivan Demidov führt das Orchester den Szenen entsprechend sicher: lyrisch, melancholisch, marschmäßig, in den vielen kritischen Passagen mit voller Stärke, Blech und Pauken.
Es gab immer wieder Szenenapplaus, es wurde viel gelacht. Das Lachen blieb stellenweise im Halse stecken. Am Ende eines unterhaltsamen, auch sehr ernsten Abends gab es langen Beifall mit Händen und Füßen.
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