Lücken schließen
Augsburgs holpriger Weg zur Fahrradstadt.
Zu hohe Bordsteine, gefährliche Straßenbahnschienen, fehlende Abstellmöglichkeiten in der Innenstadt, Baustellen, blockierte Radwege, und ein Winterdienst, der den Schnee regelmäßig auf eben diese schaufelt: Für einen aus Stuttgart stammenden Radfahrer ist das durchaus Meckern auf hohem Niveau – dennoch sind es Alltagsprobleme, denen Augsburger Radler*innen immer wieder begegnen. Seit einem einstimmigen Stadtratsbeschluss aus dem Jahr 2012 verfolgt Augsburg das Ziel, Fahrradstadt zu werden. 2015 und 2022 wurde die Stadt durch das Bayerische Staatsministerium als fahrradfreundliche Kommune zertifiziert, neue Radwege entstanden, Abstellmöglichkeiten wurden ausgebaut. Dennoch bestehen 14 Jahre nach dem Beschluss noch immer spürbare Mängel im Alltag.
Was auf dem Papier steht – und was fehlt
Dabei ist längst formuliert, was zu tun wäre. Die Stadt selbst hat die Maßnahmen niedergeschrieben: Lücken im Netz auf Hauptachsen sollen zeitnah beseitigt, bestehende Anlagen auf ihre heutige Tauglichkeit überprüft und Baustellen künftig konsequenter auf die Belange des Radverkehrs ausgerichtet werden – letzteres sogar weitgehend kostenneutral. Dass die Umsetzung stockt, erklärt der Stadtrat selbst: Aufgrund der angespannten Haushaltslage konnten die notwendigen Mittel nicht in voller Höhe bereitgestellt werden. Fortschritte gibt es dennoch. Eine Machbarkeitsstudie zum Radvorrangroutennetz wurde im Januar 2026 abgeschlossen. Untersucht wurden sieben mögliche Verbindungen zu umliegenden Gemeinden sowie eine innerstädtische Tangentialroute – mit rund 140 geprüften Trassenvarianten. Die planerische Grundlage für ein leistungsfähiges Netz liegt damit vor. Nun kommt es auf politischen Willen und ausreichende Mittel an.
Eine Woche, die bewegt
Dass die Fahrrad-Community in Augsburg lebendig ist und das Thema nicht in der Schublade verschwindet, zeigt die Radlwoche. Vom 11. bis 18. Juli das Spektakel zum achten Mal in Augsburg statt. Das Programm wird größtenteils ehrenamtlich von Augsburger*innen gestaltet, denen der Radverkehr besonders am Herzen liegt. Das Programm ist breit aufgestellt und richtet sich an alle: Zum Auftakt am Samstag, 11. Juli, bieten ADFC und BikeKitchen am moritzpunkt einen kostenlosen Radlcheck sowie eine Fahrradcodierung an. Wer schon immer ausprobieren wollte, durch die Steilkurven der Radrennbahn zu fliegen, bekommt am Mittwoch beim Bahnschnuppertraining
der RSG Augsburg die Gelegenheit dazu – kostenlos, mit Leihrädern vor Ort. Für Familien mit Kindern gibt es am Donnerstag und Freitag die Aktion »Große Straßen, kleine Beine« des Kindernest e.V. und der Kidical Mass Augsburg: Gemeinsam wird zum Kindergarten geradelt – als sichtbares Zeichen dafür, dass auch die Kleinsten
Teil des Straßenverkehrs sind. Den sportlichen Höhepunkt bildet das 3. Augsburger Innenstadtkriterium am Samstag, 18. Juli, von 12:30 bis 21 Uhr auf der Maximilianstraße: Von den jüngsten Altersklassen bis zur Elite treten lizenzierte Radsportler*innen an, ergänzt durch ein Hobby- und Klappradrennen für alle ohne Lizenz.
Ein Zeichen setzen
Den Abschluss der Woche bildet die Radlnacht am 18. Juli, deren Motto in diesem Jahr kaum passender gewählt sein könnte: »Lücken schließen – für ein durchgängiges, sicheres und komfortables Radwegenetz in Augsburg.« Der rund 12 bis 15 Kilometer lange Rundkurs führt über Straßen, die sonst dem motorisierten Verkehr vorbehalten sind, darunter die B17. Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung nicht nötig; ab 20 Uhr gibt es ein Vorprogramm mit Musik und Reden, die Fahrt startet um 21 Uhr. Wer mitfährt, setzt ein persönliches Zeichen gegenüber der Stadtpolitik – und erlebt Straßen, auf denen Radfahrende sonst schlicht nichts verloren haben.
Voraussetzungen sind da – jetzt handeln
Augsburg hat die Voraussetzungen, tatsächlich Fahrradstadt zu werden – bessere als viele vergleichbare Städte. Was es dafür braucht, steht längst geschrieben. Die Radlwoche zeigt jedes Jahr aufs Neue, wie viel Engagement und Interesse in der Stadtgesellschaft vorhanden sind. Dieses Engagement verdient eine Stadtpolitik, die nicht nur plant, sondern auch umsetzt.