Theater & Bühne

Luft nach oben

a3kultur-Redaktion

»Kiss me, Kate« ist dieses Jahr die neue Produktion des Staatstheaters auf der Freilichtbühne. Die Premiere fand an einem traumhaft schönen Sommerabend statt. Dennoch kam die Frage auf, wo ist der Wumms?

Die Saison auf der Freilichtbühne am Roten Tor ist eröffnet. Bei der ausverkauften Premiere standen die Zuschauer*innen beim Einlass bis an die gegenüberliegende Haltestelle. Allen war die Vorfreude auf diesen Kulturabend anzusehen. Echte Profi-Freilichtbühnenbesucher*innen waren mit Sitzkissen, kühlen Getränken und einem Fächer ausgestattet. Die Atmosphäre war heiter und entspannt. Die Sonne hatte nur wenig an Strahlkraft verloren, und so war das Wetter traumhaft schön für einen Abend auf der Freilichtbühne. Jedem*r, der/die sich über die Hitze beschwert haben sollte, sei versichert, ein Freilichtbühnenbesuch mit Winterjacke oder Regenschirm (alles schon vorgekommen) macht weitaus weniger Spaß.

»Kiss me, Kate«, das erfolgreichste Musical von Cole Porter, ausgezeichnet mit fünf Tony Awards, erstaufgeführt 1948 in New York City, stand mit seinen schönen und eingängigen Melodien auf dem Programm. Darin dreht sich alles um eine Theatergruppe, die eine musikalische Fassung von Shakespeares »Der Widerspenstigen Zähmung« aufführt; es ist also ein Stück im Stück zu sehen. Fred Graham (Samuel Schürmann), Produzent des Stücks, hat die männliche Hauptrolle in Shakespeares Stück mit sich selbst besetzt. Für die weibliche Hauptrolle hat er seine Ex-Frau Lilli Vanessi (Susanna Panzner) engagiert. Lilli ist mit dem Geldgeber des Stückes, Harrison Howell (Oliver Marc Gilfert), verlobt und Fred hat eine Affäre mit der Nachtclub-Schönheit Lois Lane (Katharina Wollmann). Ziemlich schnell wird jedoch klar, dass die Ehe zwischen dem Ex-Ehepaar noch nicht so vorbei ist, wie es anfänglich schien.

Ein Stück, das wie aus der Zeit gefallen scheint. Es spielt sowohl zur Zeit Shakespeares als auch in der amerikanischen Gesellschaft der Fünfzigerjahre. Da werden Frauen körperlich angegangen, bedrängt, gegen ihren Willen verheiratet und dominiert. Gleichzeitig werden sie als untreu, geldgierig und nur nach der Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts lechzend dargestellt. In der Zeit der Uraufführung galten diese Rollenbilder noch und wurden nicht hinterfragt auf die Bühne gebracht. Aber möchte man immer und immer wieder die alten Rollenbilder reproduzieren?

Die Herausforderung, die zwei Handlungsstränge mit jeweils eigener Bühne darzustellen, wurde durch eine Drehbühne gelöst. So konnte das Publikum der Handlung zu jeder Zeit ohne Probleme folgen, es wusste stets, welches Stück es gerade sieht. Schade ist nur, dass die Möglichkeiten der Freilichtbühne mit ihren Gemäuern und zahlreichen Auftrittsmöglichkeiten, über die schon Pferde, Kamele, Kutschen, Motorräder, Oldtimer und Polizeiautos ihren großen Auftritt hatten, wieder einmal nicht genutzt wurden. Da kommt die kurze Fahrt eines Autos des medizinischen Dienstes zwischen Bühne und Publikumsrängen etwas traurig daher. Die Handlung spielt sich ausschließlich in der Mitte der Bühne ab. Hier und da hätte man sich über mehr mitreißende Ideen gefreut. Man wünschte sich mehr Mut und Farbe für Kommendes!

Als sich das Publikum in der Pause auf die Suche nach kühlen Getränken begab, zeigte sich ein Zuschauer gegenüber seiner Begleitung enttäuscht: »Ich hab hier vor ein paar Jahren die ›Rocky Horror Show‹ gesehen. Das hatte Wumms!«

Auffallend wenig mitgerissen verließ das Publikum nach dem überraschend schnellen Ende des Musicals die Freilichtbühne. Es war ein kurzweiliger, unterhaltsamer Abend, der deshalb zu Recht sein Publikum finden wird. Wer aber von den Stühlen gerissen oder berührt werden will, wie in der Vergangenheit von Produktionen wie »Hair«, »Blues Brothers« oder »Rocky Horror Show«, der könnte enttäuscht werden. Die angekündigte große Show blieb leider aus – ja, da fehlte der Wumms!

In insgesamt neun Vorstellungen zwischen 28. Juni und 9. Juli ist »Kiss me, Kate« zu erleben. Vom 17. bis zum 29. Juli wird an selber Stelle das Fugger-Musical »Herz aus Gold«, das 2018 seine Uraufführung in Augsburg feierte, erneut gezeigt.

www.staatstheater-augsburg.de

Fotos: Jan-Pieter Fuhr